(oder auch – zeig mir deinen Garten und ich sag dir wer du bist)
Schönheit liegt im Auge des Betrachters – so sagt es der Volksmund und es ist so einfach und nachvollziehbar, dass bereits Kinder es verstehen. Das Sprichwort geht auf den schottischen Philosophen David Hume zurück, der es in der Mitte des 18. Jahrhunderts übersetzt so verfasste:
„Schönheit ist keine Eigenschaft der Dinge selbst. Sie existiert in dem Geist, der sie betrachtet, und jeder Geist nimmt eine andere Schönheit wahr.“
So wie Hume es formuliert hat, wird deutlich, dass Schönheit mit Bewusstsein zusammenhängt und damit fällt es auch in das Hoheitsgebiet der Philosophie. Wahrscheinlich wurde nur über die Liebe und den Tod mehr geschrieben, als über „Schönheit“. Und wenn das Schöne nun gar nicht vom Objekt ausgeht, sondern im Subjekt anzusiedeln ist, dann gibt es auch so viele Auffassungen vom Schönen, wie es Individuen gibt. Und so sind es hier klare Strukturen und Symmetrien, die den ästhetischen Wert positiv beeinflussen und anderswo die fließenden Linien, das „Natürliche“ oder sogar das „Wilde“. Manche mögen viele Farben, manche weniger, und wiederum manche nur bestimmte – und das kann sich im Laufe des Lebens teils stark wandeln. Durch die verschiedenen „Anwendungsbereiche“ fächert es sich noch weiter auf: Gemälde, Architektur, Autos und andere technische Geräte, Landschaften und – Gärten.
Wer durch Ortschaften spaziert und sich die verschiedenen Vorgärten anschaut, kann eine reiche gestalterische Vielfalt feststellen. Und je nachdem wer sie betrachtet, bewertet das eine Grundstück mit „schön“ und das daneben vielleicht mit „geschmacklos“. Was aber sind die dahinterliegenden Strukturen? Was finden wir denn schön und warum? Was der eine mag, findet der andere zu wild, oder zu grau, oder zu unaufgeräumt, zu glatt, zu bunt, gerade, lieblos…
Hume lebte zur selben Zeit wie Kant, der ebenso – wie eigentlich jeder Philosoph – seine Gedanken über Schönheit zum Ausdruck brachte. 1790 schreibt Kant in seiner Kritik der Urteilskraft zum ästhetischen Urteil über das Schöne, dass dies interessenlos und zwecklos sein muss. Die reine Anschauung der Sache, ohne Besitzwünsche und konkreten Verwendungszweck. Wenn ich das nun auf die Gartengestaltung anwende, dann gibt es mit dieser Definition das ein oder andere Problem. Nicht nur das Gärten sehr häufig einen klaren Zweck haben, insbesondere, wenn sie als Nutzgarten angelegt sind, sie als kleine Sportfläche zweckmäßig sein sollen oder als Erholungsfläche einfach funktional und gepflegt sein sollen. Je nachdem, worin unsere Präferenz liegt, färbt sie auch das ästhetische Geschmacksurteil über den einen oder anderen Garten. Nein – die Kant’sche Zwecklosigkeit scheint hier wenig zielführend oder führt gar in eine falsche Richtung. Denn:
Wie jemand sein Wohnzimmer gestaltet ist Geschmacksache und jeder macht es halt wie er will – es ist ganz und gar Privatsache. Beim Garten ist es etwas anders. Es ist zum einen in der Regel etwas öffentlicher und unterliegt damit auch gewissen Regeln der Allgemeinheit – und zumindest aus dem Weltall, mit Google Maps, kann jeder in jeden Garten schauen[1].
Der größte Unterschied aber sind die vielen kleinen und manchmal auch größeren Lebewesen, die diesen Garten bewohnen. Im Boden können es etwa 10 Milliarden Lebewesen pro Gramm sein![2] Im Wohnzimmer werden es sicher mehr sein, als uns lieb ist und wir wollen es wohl auch gar nicht wissen, aber ganz sicher nicht eine solche Zahl. Dazu kommt, dass das nur die Anzahl der Bodenlebewesen ist. Dazu kommt das, was wir meist sehen: Vögel, Igel oder Eichhörnchen, Bienen, Schmetterlinge, Käfer, Schwebfliegen und viele mehr.
Wildbienen haben dabei in der Regel nur einen Aktionsradius von 50-300 Metern, was bedeutet, dass 5-6 zusammenhängende Gärten die Heimat für solche Lebewesen darstellt.
Der Zusammenhang zwischen Schönheitsempfinden und Ökosystem liegt auf der Hand – in einer Schotterwüste mit drei oder vier exotischen Pflanzen werden die meisten Insekten weder Nahrung noch Nistmöglichkeiten finden. Doch es sind nicht nur diese absoluten negativ-Beispiele. Es gibt genügend konventionelle Gärten, die ökologisch recht wertlos gestaltet sind. Große Rasenflächen, die von einem Mähroboter ultra kurzgehalten werden, dass kein Gänseblümchen darauf wachsen kann, und am Rand ein bisschen Bepflanzung aus dem Baumarkt – Hortensien, Forsythien, Flieder und noch die Kirschlorbeerhecke. Der Boden in den Rabatten gedüngt und regelmäßig geharkt – „schön“ sauber eben. Das problematische aus Insektenperspektive sind auch hier: Keine Nahrung durch teils völlig sterile Züchtungen (Forsythie), wenig Nistplätze, da diese durch das ständige Aufräumen und Zurückschneiden von Gräsern, Stauden und Gehölzen, zerstört werden.
Und es ist noch gar nicht so lange her, da habe ich selber noch mit diesem Struktur- und Ordnungsgedanke den Garten gestaltet. Es ist auch leicht nachvollziehbar, warum dieses Konzept so erfolgreich ist. Der Mensch liebt die Kontrolle, sie ist befriedigend und die schier unbezwingbare Natur zu kontrollieren, erst recht. Und es ist auch zweckmäßig, denn ein verwilderter Garten ist schlecht nutzbar, wenn Wege zugewachsen sind und die Wiese zum Fußballspielen viel zu hoch ist. Und dies prägt unser Schönheitsempfinden und ist damit gleichermaßen in höchstem Maße gesellschaftlich strukturbildend: Wessen Vorgarten ungepflegt aussieht, hat wahrscheinlich keine Kontrolle über sein Leben! Und wenn man sich dann noch überlegt, wie die barocken Fürsten und Könige damals ihre Außenflächen angelegt haben, dann schwingt selbstverständlich auch eine distinktive Kategorie mit – zeig mir einen Garten, und ich sag dir die gesellschaftliche Schicht!
Und doch wollen wir die Natur, wir mögen ihre Formen, ihre Farben. Besonders mögen wir die Farben und Symmetrien der pflanzlichen Geschlechtsorgane – die Blüten. Und grundsätzlich liegt darin sehr viel Potenzial für ein harmonisches Miteinander zwischen Natur und Mensch (Wenn wir die Blüten nicht einfach nur abzupfen und in die Wohnung stellen). Wenn die Menschen die sie umgebenden Pflanzen in ihrem Garten gedeihen ließen, dann hätten sehr viel mehr Insekten und andere Gartenbewohner viel mehr Nahrung. Aber der Mensch hat – so fasziniert von der Schönheit der Natur – derart in sie eingegriffen, dass von der Zweckmäßigkeit der natürlichen Schönheit nicht viel übriggeblieben ist. Zum einen wurden Pflanzen mit prächtigen Blüten aus aller Welt zu uns gebracht. Astern aus Nordamerika, Anemonen aus Taiwan, Eisenkraut aus Südamerika. Die bei uns lebenden Insekten aber sind zu einem erheblichen Teil auf bestimmte heimische Pflanzen spezialisiert und können mit Pflanzen aus anderen Erdteilen überhaupt nichts anfangen.
Und dann wurden Sorten gezüchtet, um mehr Blütenpracht in den Garten zu bekommen. Es wurde so viel gezüchtet, dass die Blüten vieler Rosen und anderer Arten keinen einzigen Pollen, nichts mehr an Nektar besitzen. Der einzige Zweck dieser Pflanzen ist die Befriedigung des menschlichen Auges.
Wenn wir jetzt den Schönheitsbegriff von Hume wieder heranziehen, der sagte, dass Schönheit keine Eigenschaft der Dinge selbst sei, stellt sich die Frage: Was finden Menschen an einer solchen Pflanze schön? Wahre Schönheit kommt von innen, sagt doch ein weiteres Sprichwort. Hier aber nicht. Hier geht es – so empfinde ich es aus meiner heutigen Perspektive – um etwas ziemlich oberflächliches, Farbe und Form und vielleicht noch die Lust am Exotischen.
Das Problematische an dieser Oberflächlichkeit von gefüllten Rosen, Dahlien, Hortensien, Forsythien etc. in unseren Gärten wird erst deutlich, wenn ich die Zahlen heranziehe, mit der der Bestand der heimischen Insektenvielfalt erfasst wird. Etwa die Hälfte aller Wildbienen (bei uns etwa 600 Arten[3]) und Schmetterlinge (etwa 200 Arten) gelten bei uns als bedroht[4], was insbesondere durch die intensive Landwirtschaft mit Einsatz von Herbiziden und starkem Einsatz von Düngemitteln einhergeht. Aber auch der Verlust natürlicher Lebensbereiche gehört eindeutig zu den Gründen, etwa, wenn ein Neubaugebiet auf einer grünen Wiese entsteht. Durch das Anlegen naturnaher Gärten könnte dieser Eingriff zu großen Teilen kompensiert werden. Aus vermeintlichen Effizienzgründen, Unwissenheit – aber eben auch durch eine bestimmte Vorstellung eines „schönen“ Gartens, geschieht dies aber häufig nicht.
Als ich nach und nach für mich die Vielfalt und das ökologische Geflecht des Gartens mit all seinen Bewohnern entdeckte, änderte sich auch mein ästhetisches Urteil. Hochgezüchtete Blütenpflanzen ohne nennenswerten Mehrwert für die Individuen, dessen Lebensraum mein Garten ist, haben mittlerweile den gleichen ästhetischen Rang wie eine sichtbar aufgespritzte Botox-Lippe. Die natürliche Schönheit unserer Vegetation entfaltet sich nicht durch große und immer prächtigere Blüten, sondern eher durch unzählige kleine und unterschiedlichen Blüten, gepaart mit dem Summen und Flattern der Gartenbevölkerung. Salweide, Feldahorn und Faulbaum waren für mich früher Gewächse, die meine Aufmerksamkeit überhaupt nicht erreichten – ich kannte sie noch nicht einmal. Mit dem Wissen, dass sie die Kinderstube von unzähligen Lebewesen sind, fallen sie in meine ästhetische Wahrnehmung und damit ändert sich auch mein ästhetisches Urteil.
Ich möchte nochmal auf Hume und Kant zurückkommen, auf die großen philosophischen Fragen. Eingangs schrieb ich am Beispiel von Humes berühmter Erkenntnis, dass Schönheit von Bewusstsein abhängt. Ändert sich das Bewusstsein, ändert sich auch das ästhetische Urteil. Was mir vorher gar nicht aufgefallen ist, finde ich nun schön. Denn das ästhetische Urteil ist nun untrennbar verflochten mit dem Interesse, meinen Beitrag am Erhalt der Artenvielfalt zu leisten. Die Pflanzen, die ich auswähle, erfüllen in höchstem Maße einen Zweck – als Nektar- und Pollenlieferant oder als Futterpflanze. Und erst, wenn sie diese Qualität mit sich bringen, empfinde ich sie als schön. Alles andere empfinde ich als störend.
Natürlich soll jeder sich seinen Garten nach seinen Vorstellungen gestalten dürfen und Kinder auf gemähten Flächen spielen können. Die Möglichkeit, ein Fleckchen unseres Planeten selbst gestalten zu dürfen, bringt aber auch Verantwortung mit sich. Und wer beispielsweise, obwohl er sie überhaupt nicht nutzt, eine große Rasenfläche nur wegen der gepflegten Optik ständig kurzhält, der wird dieser Verantwortung nicht gerecht. Ein Teil der Fläche kann zu einer artenreichen Wiese umfunktioniert werden, die nur ein bis zweimal im Jahr gemäht wird.
Dabei wäre ein harmonischeres Miteinander nicht aufwendiger – im Gegenteil! Totholzhecken anlegen, Laub nicht wegbringen, sondern unter Büsche und Hecken harken und heimische Gewächse verwenden, die ohne Düngung und Gießen gedeihen. Eine naturnahe Gartengestaltung bedeutet nicht Wildnis. Garten und Wildnis funktionieren nicht zusammen. Und auch müssen es keine typischen unübersichtlichen, verschlungenen Wege sein. Die gerade Linie, die es in der Natur – außer am Horizont – eigentlich überhaupt nicht gibt, interessiert die Insekten wenig. Wer also Symmetrien und Struktur mag, kann sich den Garten nach dem Vorbild von Versailles anlegen und doch einen hohen ökologischen Wert erreichen.
Woran es in der Regel fehlt, das ist zunächst Bewusstsein und danach Wissen! Und auch das kann ich aus eigener Erfahrung sagen: Als sich mein Bewusstsein dahingehend änderte, dass die Gestaltung des Gartens nicht primär optischen Merkmalen unterliegen sollte, sondern mindestens dessen Millionen und Milliarden Bewohner mitbedenken sollte, habe ich anfangs gutgemeinte Dinge unternommen, die bei näherer Betrachtung wenig hilfreich waren. Zum Beispiel, wenn ich im Baumarkt zu Pflanzen gegriffen habe, die als „bienenfreundlich“ beworben wurden. Häufig waren das exotische Pflanzen und Sorten, die nur für Honigbienen und ein paar Hummeln interessant sind, sich aber in das Gesamtgefüge, in das Ökosystem, wenig einfügen.
Grundsätzlich ist mir – wie vielen vor mir – bewusstgeworden, dass, je weiter ich mich in das Thema einarbeite, erkenne, was ich alles noch nicht weiß. Und dann fällt auf, wie sehr sich die Gesellschaft von der Natur vor der eigenen Haustür entfernt hat. Vielleicht wäre etwas mehr „Heimatkunde“ sinnvoll, denn, wenn man gar nicht weiß, dass etwas existiert, kann man auch nicht wissen, dass es schützenswert ist.
Das Anlegen eines naturnahen Gartens erfordert Wissen. Wie das norddeutsche Sprichwort „es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung“ ist es beim Garten so, dass es keinen schlechten Boden oder Standort gibt, sondern nur falsche Pflanzen. Und nicht-europäische Pflanzen sollten am besten gar nicht oder nur sehr wenig gesetzt werden. Darüber muss man sich auch informieren, genau wie über die Pflege, die deutlich einfacher ist, aber ohne die es auch nicht geht.
Das schöne beim naturnahen Gärtnern ist, dass man so gut wie ohne Verzicht einen sehr wertvollen Beitrag zum Naturschutz beitragen kann (wenn man von dem Verzicht auf die Bauernhortensie absieht, die durch z.B. Mönchspfeffer einen schönen und wertvollen Ersatz bekommt). Ist der eigene Beitrag dazu sonst so häufig mit Verzicht verbunden – beim Reisen oder Fleischkonsum etwa – ist es beim Gärtnern eine vergleichsweise kleine Umstellung, die sehr bereichernd für alle ist.
Und um zum Schluss nochmal das Schöne heranzuziehen? Wenn es um Farben und Formen geht, hat die mitteleuropäische Vegetation eine fast unüberschaubare Auswahl – leider gibt es sie seltener in den Märkten. Geht es um Struktur und Kontrolle, dann sind die Möglichkeiten auch hier riesig. Die Kontrolle, ohne die es nicht geht, ist nur etwas komplexer, als alles immer kurz und klein zu schneiden.
Kontrolle und Struktur sind unerlässlich für Gartenästhetik. Aber ohne das Miteinbeziehen der darin wohnenden Lebewesen wird es zu einer leeren Hülle.
[1] Das ist aber sehr häufig nicht besonders aktuell. Der Pool in unserem Garten steht schon seit 2024 nicht mehr dort.
[2] Jörg Blech und Matthias Rillig: „Mutter Erde“ (2025), S.14
[3] https://www.rote-liste-zentrum.de/presse/neue-checkliste-fuer-deutsche-wildbienen-erschienen-artenzahl-jetzt-ueber-600/
[4] https://www.rote-liste-zentrum.de/presse/weniger-schmetterlinge-in-deutschland/