Der Anlass, warum ich diesen Artikel schreibe, ist ein Artikel, den ich jüngst gelesen habe[1]. In einem Gießener Tennis-Club gab es einen großen Krach rund um das Vereinsheim. Und zwar suchte der Verein einen neuen Pächter für das Vereinsheim und wurde auch fündig, doch kurz vor der Eröffnung kündigte der Verein dem Pächter-Ehepaar fristlos. Grund: das muslimische Paar möchte keine alkoholischen Getränke ausschenken. Offensichtlich ist da kommunikativ einiges schiefgelaufen und wie, warum, weshalb spielt hier jetzt auch keine Rolle. Aber das grundsätzliche Thema ist spannend.
Hier kommen einige Punkte zusammen, die auch getrennt voneinander eifrig und viel diskutiert werden: Religion, Alkohol, Kultur.
Ich möchte mit einer meiner allerliebsten kulinarischen Kombinationen überhaupt beginnen: Döner & Bier. Hier in Oldenburg komme ich nur zuhause zu diesem Genuss, weil die in der Regel muslimischen Betreiber nur halal-konforme Lebensmittel in ihrem Laden haben. Da ist Bier dann raus. Ich frage mich, ob die Betreiber bei dem Fleisch auch so genau hinsehen, denn halal bedeutet auch eine artgerechte Aufzucht und Schlachtung. Wie dem auch sei, in Berlin ist das alles etwas entspannter. Da bestelle ich an einer Schöneberger Straßenkreuzung einen Döner, gehe zum Kühlschrank und nehme mir für zwei Euro ein Bier raus. Nicht nur das – ich habe auch die Wahl. Ich kann ein Berliner Kindl nehmen, was kalt auch völlig in Ordnung ist, aber ich kann auch mindestens ein bayrisches Helles nehmen. Und das ist dann für mich definitiv eine Traum-Kombination: Döner und bayrisch-Helles. Dann setze ich mich raus und genieße Döner, Bier und die Stimmung. Hayat.
Mensch und Alkohol verbindet eine Jahrtausende alte Geschichte. Auf Wikipedia ist sogar nachzulesen, dass Archäologen annehmen, „dass Bier maßgeblich zur Sesshaftwerdung des Menschen beigetragen habe“.[2] Erfunden übrigens vor ca. 10000 Jahren im Orient, in der Region des fruchtbaren Halbmondes.
Zurück zu dem Vereinsheim. Alkohol, Sport und Vereinswesen sind in Deutschland recht eng miteinander verwoben. Nicht selten gar nicht zu trennen, was definitiv zu Problemen führt. Ich selber kenn es so, dass am Ende des Trainings eine Kiste Bier in der Mitte der Umkleide steht. Wobei wir vor zehn Jahren nur die Wahl zwischen Krombacher oder Jever hatten, bis sich dann mal ein Green Lemon eingeschlichen hat und mittlerweile kann es vorkommen, dass die Hälfte der Kiste aus alkoholfreiem Radler besteht. Ist es das Alter? Der Zeitgeist? Der Alkoholkonsum in Deutschland sinkt seit Jahren, seit 1980 ist er um fast ein Drittel zurückgegangen[3]. Europaweit liegt Deutschland im oberen Mittelfeld. Und übermäßiger Alkoholkonsum führt zu erheblichen Problemen und hohen gesellschaftlichen Kosten. Das schwierige an der Sache – wie ich finde – ist die große Individualität. Selbstverständlich ist es am gesündesten, gar nichts zu trinken (wie meine Frau seit etwa zwei Jahren). Aber wenn man Alkohol konsumiert, gibt es keine individuelle Kausalität zu irgendeinem Krankheitsbild. Auch beim Rauchen: Helmut Schmidt rauchte eine Zigarette nach der anderen und war fit bis ins hohe Alter. Selbstverständlich ist das Risiko eindeutig – statistisch nachgewiesen – erhöht, zu erkranken – auch beim Alkohol. Und beim Thema Risiko sind die Menschen eben sehr unterschiedlich. Der eine geht in die Vollen, der andere hält sich zurück und sagt: „lieber nicht“.
Die individuelle Entscheidung wird jedoch auch zu einer Entscheidung der anderen. Folgekrankheiten und Ausfälle müssen kompensiert und gezahlt werden. Die Gurtpflicht wurde auch eingeführt, weil das eigene Leben, die eigene Gesundheit eben nicht nur für einen selbst und den näheren Umkreis wichtig ist. Daher finde ich es absolut richtig, dass zum Beispiel Werbungen verboten wurden und die Promille-Grenze für den Straßenverkehr gesenkt wurde (in den 1960ern noch bei 1,5 Promille!).
Wer aber auf seinen Körper hört und achtet und bewusst mit dem Thema umgeht, der hält das Risiko auch in Grenzen. Und diese Grenzen möchte ich mir selber setzen. Wie bereits erwähnt, ist das Bier nach dem Sport bei mir persönlich in den letzten Jahren immer häufiger alkoholfreien Alternativen gewichen. Manchmal muss es aber Bier sein.
Damit wieder zurück zum Vereinsheim. Diese sind ein elementarer Bestandteil deutscher Kultur. Direkt neben Bach und Beethoven befindet sich das Vereinsheim. Essen und Trinken sind elementarer Bestandteil jeder Kultur und das Bier ist elementarer Bestandteil eines Vereinsheimes. Was die Gießener Geschichte angeht, wünsche ich dem Gastro-Ehepaar viel Erfolg auf der Suche nach einem neuen Restaurant. Oder aber sie werden locker wie die Berliner und lassen die Leute selbst entscheiden.
[1] https://www.bild.de/regional/hessen/alkohol-eklat-im-tennisclub-muslimische-paechter-gefeuert-weil-sie-kein-bier-ausschenken-6a0d78ad3b7096456ac7d006
[2] Dabei greift der „Bier-Artikel“ auf folgende Seite zurück: https://www.cbsnews.com/news/archeologists-link-rise-of-civilization-and-beers-invention/
[3] https://www.kenn-dein-limit.de/alkoholkonsum/alkoholkonsum-in-deutschland/