Verfasst im Dezember 2020, überarbeitet im Dezember 2024
Bevor ich zum Thema komme, möchte ich ein paar anthropologische Bemerkungen voranstellen. Völlig ohne Quellenverweise – einfach Ergebnis meiner Beobachtungen, Erfahrungen und meines gesammelten Wissens (zumindest was ich glaube zu wissen).
Einst war es das kriechende Tier, später das schlaue Tier, schließlich der Mensch. Der intelligente Säuger begann seinen Siegeszug über den Planeten. Im Verlaufe dieses Feldzuges gegenüber den anderen Lebewesen – denn überall wo er auftauchte, mussten andere weichen, mit exponentiellem Faktor – entwickelte sich der Mensch jedoch sehr unterschiedlich. Während manche Zivilisationen über viele hundert Jahre sich kaum veränderten, entwickelten andere eine enorme Dynamik, angetrieben durch verschiedenste Einflüsse – Hunger, Angst, Spiritualität etc.. Hatte der Mensch sich an einem Fleck niedergelassen, entwickelte er anschließend häufig einen starken Expansionsdrang. Unnachgiebig gegenüber Artgenossen wurde gekämpft, dass von manch großer Zivilisation fast nichts übrigblieb – selbst deren Hinterlassenschaften wurden zerstört. Dieser Drang nach Wachstum entspringt aus dem Individuum selbst. Bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Dieser Drang, mächtig zu sein, führte auch in den immer größer werdenden Zivilisationen dazu, dass große Regelwerke aufgestellt wurden und entsprechende Strafen eingeführt wurden. Notwendig für die Aufrechterhaltung einer Grundordnung, wenn man bedenkt, dass der Mensch noch nicht mal davor zurückschreckt den eigenen Bruder, die eigene Schwester zu töten, wenn er sich doch nur einen Machtvorteil davon verspricht.
Doch der Mensch entwickelte auch eine beachtliche Selbstlosigkeit und altruistische Verhaltensweisen. Das eigene Leben wird in Gefahr gebracht, sogar geopfert, um andere zu retten, um der Gemeinschaft zu dienen. Dieser Antagonismus – individuelles Streben nach Macht neben der Erkenntnis, dass eine Gruppe dem Einzelnen gegenüber (fast) immer überlegen ist, ist charakteristisch für den Menschen. Hierin begründen sich seine größten Stärken und seine größten Schwächen im Hier und Jetzt.
Die Erkenntnis, dass der Zusammenhalt der Gruppe entscheidend ist, prägte in uns eine ziemlich starke „Wir und ihr-Struktur“. Wenn auch immer Politiker auf diesem Planeten gewählt werden möchten – die Strategie, ein äußeres Feindbild aufzubauen oder eine Bedrohungslage, geht fast immer auf. Denn dann werden Strukturen in den Menschen angeregt, die wie beim Magnetismus alle Härchen in eine Richtung aufstellen. Dann wird alles einfach: Wir-ihr, unten-oben, reich-arm, böse-gut, – weiß und schwarz.
Womit ich dann auch beim Kernthema bin. Das äußere Erscheinungsbild von Homo (Gattung) Sapiens (Art) Sapiens (Spezifizierung) ist einer der zentralen Punkte, anhand dessen unterschieden wurde und wird.
Ich weiß noch ziemlich genau, als Kind habe ich versucht zu lernen, Chinesen und Japaner an ihrer Gesichtsform auseinanderzuhalten. Und das konnte ich dann auch nach einiger Zeit – mit einer relativ geringen Fehlerquote. Nordafrika, Ostafrika, Zentralafrika, Lateinamerika etc. – auch das kann ich ganz gut erkennen. Artgenossen, die ein ähnlichen Phänotyp wie ich haben, kann ich noch viel genauer erkennen. Italiener, Briten, Russen, sogar einen niederländischen Typ meine ich hier und da zu erkennen.
Während diese Klassifizierung bereits im 20. Jahrhundert problematisch war, geht es im 21. Jahrhundert überhaupt nicht mehr. Denn ich habe hier zwei Dinge vermischt, die grundsätzlich auseinandergehalten werden müssen. Es gibt die evolutionär nachvollziehbare Einteilung nach Regionen und die höchstproblematische Einteilung nach Nationen. Denn diese ist absolut sekundär, der regionalen Einteilung zu 100% nachrangig. Die Nationsangehörigkeit kann beliebig gewechselt werden, das äußerliche erblich bedingte Erscheinungsbild nie.
Mit fortschreitender Technologie ist es den Menschen möglich geworden, in kurzer Zeit in ferne Regionen zu gelangen. Ob aus wirtschaftlichen Gründen, vor Unruhen und Krieg geflüchtet, oder verschleppt (Sklaverei): Die Folge sind ethnisch pluralistische Gesellschaften in Nordamerika und den meisten Staaten Europas (selbstverständlich gibt es viele weitere Regionen, doch soll es hier um den abendländischen Raum gehen). In diesen pluralistischen Gesellschaften, treten nun einige Probleme auf, auf die folgend eingegangen werden soll.
Das genetische Problem
Die anfangs skizzierte Entwicklung des Menschen hat ihre Spuren hinterlassen. Xenophobe Strukturen waren evolutionär wohl vorteilhaft, führen in modernen Gesellschaften jedoch zu Konflikten. Dem anderen mit Argwohn zu begegnen erhöht nicht die Wahrscheinlichkeit seine eigenen Gene weiterzugeben, sondern führt allenfalls zu Ungerechtigkeit. Das Wir-Ihr-Abgrenzungsspektrum geht von purem Rassismus – „Wir“ wird überhöht und das „Ihr“ mit minderer Wertigkeit belegt – bis zu latenter Unsicherheit, wie mit dem anderen umgegangen werden soll. Dieses genetische Problem ist im weiteren Diskurs mit Bedacht zu verwenden, da es manche dazu verlockt, eine recht destruktive Haltung einzunehmen („liegt in unseren Genen, kannste eh nichts machen“). Wie wir aufwachsen und sozialisiert werden, welche Erfahrungen wir machen – dies ist in vielen Fällen entscheidend, ob bestimmte genetische Veranlagungen in uns überhaupt aktiviert werden. Allerdings muss dieser Bauplan stets eine Rolle spielen. Ihn unberücksichtigt lassen, ja sogar zu negieren führt wiederum zu Konstruktivismus. Dann entsteht mit jedem „gelösten“ Problem an anderer Stelle ein neues.
Das Problem ungleicher Durchmischung im Zeitalter digitaler sozialer Netzwerke
Ein weiterer in Betracht zu ziehender Aspekt ist, dass die Gesellschaften nicht gleich pluralistisch sind, sondern eigentlich immer urbane Räume stark gemischt sind und der ländliche Raum hingegen homogener ausfällt. Da der Mensch eben häufig Angst vor dem Unbekannten hat, sind es dann auch die dünn besiedelten Gegenden, in denen jene xenophoben Anlagen dazu führen, dass sich dort eher Rassismus entwickelt. Verstärkt wird diese Tendenz durch TikTok & Co., denn während früher die Menschen unterschiedlicher Regionen nur ab und an über Fernsehen oder Zeitung mit Kultur, Problemen und Eigenarten der anderen Regionen konfrontiert wurden, geschieht dies nun permanent. Dies scheint den Wir-Ihr-Gegensatz zu verstärken. Die „woken“ Stadtmenschen und die hinterwäldlerische Landbevölkerung.
Historisches Problem
Sklaverei ist uralt. Sie war fester Bestandteil von Hochkulturen rund um den Globus. Mit fortschreitender Technik, der „Entdeckung“ Amerikas und der anschließend in nie dagewesen Ausmaßen beginnenden Sklaverei jedoch begann ein neues Kapitel. Hellhäutige Menschen aus dem Norden nutzten ihre technische Überlegenheit und beuteten den afrikanischen Kontinent aus. Die dunkelhäutigen Menschen deportierten sie systematisch und über mehrere Jahrhunderte in entlegene Regionen der Erde – um für sie zu arbeiten.
Durch dieses Ausmaß und das systematische Vorgehen entstand – ermöglicht durch den technologischen Fortschritt – eine neue Weltordnung, die die alte für immer ablösen sollte. Von nun an mischten sich die verschiedenen Phänotypen, die die Natur über Jahrtausende hervorgebracht hat. Es gab zwar auch vorher Durchmischungen (etwa die sogenannte Völkerwanderung in der Spätantike), doch diese sind mit jenem kontinentalübergreifenden Prozess nicht vergleichbar.
Die hellhäutigen Männer aus dem Norden bauten ein interkontinentales System auf, in welchem sie in dem Heimatkontinent der dunkelhäutigen Menschen Angst und Schrecken verbreiteten. In der „neuen Welt“ hingegen ließen sie sie zu Millionen arbeiten – was sie noch mächtiger machte. Der Heimatkontinent der Hellhäutigen jedoch blieb den Dunkelhäutigen noch lange verschlossen, was hier später noch von Bedeutung sein soll.
Ein erster Überblick
Genetik, Gesellschaft und Geschichte – diese Faktoren vermischen sich zu einem schwer durchdringbaren Geflecht. Meine Beobachtung ist, dass im immer stärker werdenden Diskurs die Natur häufig etwas stiefmütterlich behandelt wird. Es hat einen Grund, warum der dunkelhäutige Mensch seine Hautfarbe hat: Abertausende Jahre der starken Sonneneinstrahlung am Äquatorialgürtel. Deutschland liegt geographisch gesehen am 51. (+/- 3) Grad nördlicher Breite, die Sonnenstrahlung ist deutlich schwächer. Menschen, dessen genetisches Material dieser Region entstammt, sind hellhäutig. So weit so logisch.
Durch Globalisierung und Migration – Deutschland ist eines der beliebtesten Einwanderungsländer der Erde – verwischen diese jahrtausendealten phänotypischen Konturen. Dieser Prozess verläuft schnell, denn das Land hat sich innerhalb von nur zwei Generationen – damals noch zu fast hundert Prozent hellhäutig – stark gewandelt. Mittlerweile hat jeder vierte deutsche einen Migrationshintergrund, mit mehr oder weniger starkem Kontrast zu der Mehrheitsgesellschaft. Denn diese ist nun eben zu drei Vierteln ohne diesen Hintergrund und entspricht damit dem europäischen Phänotyp. Wenn das chinesische Kind nun versucht, einen Deutschen und einen Italiener voneinander zu unterscheiden, dann wird es eben jene typischen Merkmale heranziehen.
Bevor ich nun auf die aktuelle Debatte eingehe, möchte ich als Zwischenbilanz festhalten, dass der Begriff „Rassismus“ an sich problematisch ist. Er stammt aus einer alten Zeit und belegt zu viele Felder, als dass er den gesellschaftlichen Strukturen des 21. Jahrhunderts Rechnung tragen könnte. Er ist zu pauschal und wird demnach auch zu pauschal verwendet. Meines Erachtens müsste es einen Begriff geben, der einen „natürlichen“, latenten Rassismus von einem toxischen, ausgrenzenden Rassismus abgrenzt. Denn so tun, als wär‘ ja alles ganz normal und Äußerlichkeiten nichts als Äußerlichkeiten, hat etwas von Augen verschließen. Das Ziel muss sein, einen lösungsorientierten Ansatz zu entwickeln, wie pluralistische Gesellschaften funktionieren können, ohne in Dualismus zu verfallen. Was es zuhauf gibt, sind problemorientierte Ansätze – doch die zeigen eben nur auf, wo es Ungerechtigkeiten gibt und nicht, wie diese behoben werden könnten.
Ein Blick in die Vereinigten Staaten von Amerika zeigt uns gerade deutlich, was dringend zu vermeiden ist – eben jener Dualismus, entweder oder. Hier spielen viele Faktoren eine Rolle, die nicht ohne weiteres auf Europa übertragbar sind (v.a. das Zwei-Parteien-System), aber doch gibt es sie (v.a. das Problem der sozialen Netzwerke) und das Thema Rassismus spielt eine wichtige Rolle. Durch die jahrhundertelange Sklaverei und die millionenfache Verschleppung von Menschen aus Afrika gibt es dort bereits eine lange gemeinsame Geschichte. Doch erst durch Verbot der Sklaverei, dem Bürgerkrieg 1861-1865, so richtig jedoch erst seit der Aufhebung der Rassentrennung 1964, gibt es einen Prozess der Vermischung der Menschen, die dem afrikanischen Raum entstammen und den Bevölkerungsteilen, die aus Europa stammen. Insofern sind uns die USA in Bezug auf pluralistische Strukturen nicht etwa Jahrhunderte voraus – wie man annehmen könnte – sondern allenfalls eine Generation.
Dennoch: durch diesen „Vorsprung“ finden sich viele Diskurse jenseits des Atlantiks einige Zeit später bei uns wieder. Bei der Black-Lives-Matter-Bewegung in 2020 vergingen gefühlt nur einige Stunden.
Das begriffliche Problem
Dieser Prozess ist der Übertragung von amerikanischen Strukturen nach Europa hat jedoch problematische Seiten, da die amerikanische Gesellschaft eine andere ist und ihre eigene Geschichte hat. Ein gutes Beispiel dafür ist der Begriff „Person of color“. In den USA gibt es diese Selbstbezeichnung der nichtweißen Bevölkerung bereits lange. Hintergrund ist die häufige Verwendung des Begriffs „colored“ während der Rassentrennung. „Colored“ stand dann etwa auf dem Schild, dass deutlich machte, dass ein Trinkbrunnen für Farbige ist und ja keiner von ihnen den der weißen benutzt. Durch diese negative Konnotation wurde ein anderer Begriff gesucht.
Was nun passiert, ist, dass dieser Begriff Einzug in den deutschsprachigen Raum erhält. Und nicht wenige Vertreter der antirassistischen Bewegung fordern ihn hierzulande ein, was wiederum gleich auf mehrfache Weise problematisch ist.
Erstens fehlt der geschichtliche Kontext, denn das Wort „Farbige“ hat bei uns nicht jene negative Konnotation. Somit ist der Begriff Person of color in Deutschland ein künstliches Konstrukt, dem sozusagen die notwendige Bedingung fehlt. Doch viele (nicht alle) Schwarze mögen den Begriff „Farbige“ nicht, mit der nicht von der Hand zu weisenden Begründung, dass es keine „nicht-farbigen-Menschen“ gibt – dann ergibt es aber keinen Sinn, warum „Person-der-Farbe“ doch geht.
Zweitens ist es ein englischer Begriff: wenn „Farbige“ nicht unproblematisch sein sollte, muss ein deutscher Begriff gefunden werden. Denn es wäre u.a. ein krasser Akt der Ausgrenzung, wenn es in der eigenen Sprache keinen geeigneten Begriff gäbe. Außerdem klingt es bisweilen äußerst umständlich. Die Redakteure der sonst wirklich fantastischen Kindersendung „Logo“ empfehlen den Kindern folgendes: „Ein Mädchen of Color in meiner Klasse“. Solch ein Begriff – das muss allen Akteuren klar sein – wird niemals mehrheitsfähig sein. Es ist ein spalterischer Begriff, den die meisten Menschen als „von-oben“ aufgesetzt empfinden werden.
Mein dritter Punkt greift deutlich weiter, denn hier geht es darum, wie mit einem problematischen Begriff überhaupt zu verfahren ist. Denn selbst in den USA hätte ich eine andere Auffassung, da ich eher von dem Weg der Entgiftung überzeugt bin. Dies bedeutet eine normalisierende Verwendung eines Begriffs, welche diesem den ursprünglich problematischen Kontext immer weiter entzieht. Und dies ist nun bei Weitem kein lokal begrenztes Phänomen. Als deutscher bewegt man sich quasi unablässig auf einem sprachlichen Minenfeld. Klar, kein halbwegs gebildeter Mensch kommt erholt aus dem Urlaub und ruft dem Nachbarn freudestrahlend zu: „Yeah. Kraft durch Freude!“. Wenn etwas „ausgemerzt“ werden soll und „jeder das seine“ verdient – dann gibt es hier und da einen Spruch. Ebenso die kleinen „Pimpfe“ können für Naserümpfen sorgen.
Es stellt sich halt die Frage, was genau passieren soll, wenn jemand heutzutage „ausmerzen“ im alltagssprachlichen Gebrauch verwendet. Finden dadurch wie auch immer geartete Nazistrukturen Einzug? Wohl kaum. Es wird eher so verwendet, dass irgendjemand dem anderen oberlehrerhaft den Gebrauch während der Nazi-Diktatur doziert. Dabei will ich keinesfalls behaupten, dass dieses Kontextwissen unwichtig ist. Doch problematisch sind insbesondere herabwürdigende Begriffe, welche verletzend auf Mitmenschen wirken wie etwa Neger oder Zigeuner. Solche gilt es aus dem alltäglichen Sprachgebrauch zu entfernen. Ein interessanter Fall ist Eskimo, denn hier gab es einen Irrtum, der zu einer offensichtlich falschen Herleitung des Begriffs (Rohfleischesser) führte. Nach dem Aufdecken dieses Irrtums gilt dieser Begriff nun als rehabilitiert. Bei bloß kontextuell belasteten Begriffen wird es kompliziert, da die Hinweise auf den problematischen Kontext meist bevormundend aufgefasst werden und somit letztlich der Absender beim Adressaten mehr Trotz als Einsicht erzeugt. Vor allem aber gibt es, wie oben beschrieben, keine lineare, negative Kausalstruktur, die eine sprachliche Maßregelung argumentativ unterfüttern würde.
Folgen der Giftschrankmethode
Die Folge der Giftschrankmethode ist eine große Verunsicherung, welche zu der leidigen „Was darf man denn überhaupt noch sagen-Thematik“ führt. Jeder kennt es aus dem Alltag: „Das sagt man nicht mehr!“ – und jedes Kind weiß heute, wie man die schaumhaltigen Schokodinger nicht nennt. Was aber so gut wie keiner weiß – wie nennen wir denn jetzt die mit der anderen Hautfarbe? Die Verunsicherung ist derart groß, dass sich mitunter groteske Stilblüten entwickeln. Während eines Referats über Soulmusik verwendete eine Schülerin die Wörter „afroamerikanisch“ und „spirituell“ als Synonym. Es war reichlich unlogisch und ich kriege es auch nicht mehr 1:1 zusammen, aber was sich beim anschließenden Besprechen herausstellte war, dass die beiden Schülerinnen offenbar die Bezeichnung der Hautfarbe vermeiden wollten und stattdessen „spirituell“ wählten (als Kind der 90er würde ich ja sagen: okay, vielleicht zu viel Sister Act gesehen, kommt hier aber nicht hin).
Es stellte sich weiter heraus, dass jemand ihnen sagte, dass man Personen nicht mehr als schwarz bezeichnen soll. Und so kommt dann spirituell dabei raus. Vielleicht hat diese Person ja auch gar nicht schwarz gesagt, sondern farbig. Weil das aber für viele Jugendliche in Deutschland häufig zu weit entfernt ist, vor allem auf dem Land, sorgen derartige Sprachanweisungen nicht selten eben eher für Verunsicherung.
Das beste Beispiel für die Giftschrankmethode ist der Begriff „N-Wort“. Weil der Begriff Neger verletzend für viele Menschen ist, soll er nicht mehr ausgesprochen werden. Was für ein kurzsichtiger Unsinn! Dann kommt auch noch das Z-Wort und so weiter, bis das Alphabet einmal durch ist. Der Verbot der Aussprache eines Wortes bedeutet sich dem eigentlichen Problem nicht anzunehmen und kann niemals zum Ziel führen.
Das Offensichtliche
Grundsätzlich ist es ein Problem, wenn das Offensichtliche nicht benannt werden darf oder soll. Dies ist der Fall, wenn eine Person mit dunkler Hautfarbe nicht dunkelhäutig genannt werden soll. Im Gespräch mit Jugendlichen höre ich häufig von ihnen, dass „schwarz“ doch nicht gesagt werden dürfe. Ich spüre, wie verunsichert sie häufig sind, denn „Schwarz“ (mit großem S) wäre „politisch korrekt“. Nun ist es eben aber auch hier kompliziert, denn keine Person ist richtig schwarz. Es gibt wohl Typen mit sehr dunkler Hautfarbe, aber meistens sind die Schwarzen halt eher braun. Genauso wenig gibt es weiße Menschen. Es gibt Typen mit sehr heller Hautfarbe, aber meistens sind die Menschen halt eher irgendwie beige. Schwarz und weiß bezeichnet nun auch gar nicht die Hautfarbe, sondern einen Phänotyp. Durch die kräftigere Pigmentierung Schwarzer Menschen lässt sich „farbig“ durchaus rechtfertigen, im Gegensatz zu den blassen weißen. Aber denkt man länger darüber nach, ist es auch irgendwie merkwürdig – wie bei so vielen Dingen. Braun ist farbig, beige aber nicht? Ergibt so keinen Sinn. Dann ergibt aber auch People of Color keinen Sinn. Status: kompliziert.
Ein Dilemma sind die negativen Zuschreibungen des Dunklen. Die weiße Weste – das schwarze Schaf. Nicht die hellste Kerze auf der Torte – die dunkle Seite. Tag – Nacht. Und dort, wo der dunklen Seite gefröhnt wird, ist man unter weißen: Heavy Metal. Black Music kommt deutlich heller rüber. Ein trüberer, melancholisch klingender Moll-Akkord wird meist als dunkel und ein Dur-Akkord als fröhlich und heiter und hell empfunden.
Das Argument der Betroffenheit
Es tritt nun eine altbekannte Argumentation hervor: Die Schwarzen sind die Betroffenen, die weißen sind von Rassismus nicht betroffen – also müssen sie einen selbstbezeichnenden Begriff wie z.B. People of Color akzeptieren. Doch diese Argumentation schwächt sogar den Standpunkt, denn nur der Weg der Logik kann überzeugen. Ich würde in letzter Konsequenz gar behaupten, dass es rassistisch wäre, es so zu akzeptieren. Es hätte was Unehrliches und auch etwas von nicht-ernst-nehmen.
Ein paar Anmerkungen zu historischen Begebenheiten und Schuldfragen
Wie bereits anfangs erwähnt, steht die Rassismus-Debatte vor allem auf dem grausigen Fundament der Ausbeutung Afrikas und der systematischen Sklaverei. Es ist unvorstellbar, dass europäische Kaufleute über 300 Jahre lang ihr Geld damit verdienten in Afrika einfache Waren wie Werkzeug und Alkohol gegen Menschen einzutauschen und anschließend auf Sklavenmärkten mit deren Verkauf riesige Gewinne einstrichen. Und es ist auch unfassbar, wenn ich den Schülerinnen und Schülern erzähle, wie Columbus 1492 auf die Einheimischen traf, die ihn und seine Leute beschenkten und er darauf in sein Tagebuch schrieb, dass diese sich wohl gut als Sklaven eignen würden.
Und ich bin ganz ehrlich, wenn ich sage, dass ich dabei so etwas wie Scham empfinde, auch wenn es über 500 Jahre her ist, auch wenn er Italiener war, der unter spanischer Flagge segelte.
In der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts bin ich ein weißer Europäer, wie Columbus. Und als Deutscher kennt man sich mit Schuld- und Verantwortungsfragen aus. Ein Wieder-gut-machen geht nicht – zu groß die Ausmaße, zu viele Generationen dazwischen. So stellt sich hier die Frage, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit der Kolonialzeit und deren Folgen aussehen könnte. Kniefallartige Argumentationen, wenn etwa vom Privileg, weiß zu sein, gesprochen wird, stellen keinen lösungsorientierten Ansatz dar (weil ich keine Diskriminierung erfahre, bin ich privilegiert – das ist eine identitätspolitische Sackgasse, die auf der Gegenseite Trumpismus zur Folge hat).
Der m.E. einzige Weg ist, Toleranz vorzuleben und darauf zu achten, dass gesetzliche Rahmen nicht übertreten werden. Courage gehört dazu – wer Zeuge von rassistischen Sprüchen oder gar Übergriffen wird, darf nicht wegsehen. Darüber hinaus aber gilt: Leben und leben lassen.
Wenn jemand Menschen anderen Phänotyps gegenüber ablehnend eingestellt ist, dann hat das meist mit Angst zu tun und meist hat diese Person so gut wie keine Kontakte – insbesondere keine engen – zu Menschen anderer Hautfarbe. Missionarischer Eifer von Antirassisten wird nicht in die gewünschte Richtung führen.
Farbenblindheit
Leben und leben lassen – welche Hautfarbe du hast, spielt keine Rolle. Diese gut gemeinte Ansicht wird nicht selten negativ aufgefasst und mit dem Begriff „Farbenblindheit“ belegt. Da weiße Menschen nicht jene diskriminierenden Erfahrungen machen, wird hier, auch wenn unbewusst, ein gewisses Augenverschließen zum Vorwurf gemacht.
Ich kann diesen Standpunkt einerseits nachvollziehen, andererseits regen sich deutlich Widerstände. Es geht in eine „bist du nicht mein Freund, bist du mein Feind“- Richtung. Auch wenn die Argumentation nachvollziehbar ist und das Anliegen wichtig – wenn dieser Standpunkt lautstark eingefordert wird, dann wird der Effekt bloß ein weiteres Element in dem großem „Was-darf-man-überhaupt-noch-sagen-Feld“.
Für mich ist es in erster Linie positiv besetzt, wenn ich es etwa als Lehrer schaffe, keinen Unterschied zwischen äußerlicher Erscheinung oder kultureller Herkunft zu machen. Es sollte selbstverständlich sein, aber viele haben – nach allem was ich gelesen habe – an der Schule andere Erfahrungen gemacht. Wenn auch nur ein Schüler mir glaubhaft aufzeigen würde, dass ich ihn oder sie aufgrund von Äußerlichkeiten anders behandelt hätte, wäre es ein Tiefschlag für mich.
Alles braucht seine Zeit. Der gesellschaftliche Wandel geht sehr schnell voran – zu schnell für viele. Um eben jenen eine Chance zu geben, die nach Konstanz und Halt suchen, sollte ein Sachverhalt wie der der „Farbenblindheit“ keinesfalls doziert werden.
Es ist paradox. War es vielleicht schon immer, aber in Zeiten überfordernder Informationsflut ist es wohl so ausgeprägt wie nie: Nicht alles was richtig ist, sollte auch direkt gesagt werden (In Anlehnung an Voltaire, der schon vor über 250 Jahren sagte, dass alles was man sagt, wahr sein sollte. Doch nicht alles was wahr ist, auch gesagt werden sollte). Das Problem ist die bereits angesprochene Überforderung. Es sind schlicht so viele Probleme, mit denen wir durch die digitalen Medien tagtäglich konfrontiert werden, dass nicht wenige Menschen „dicht“ machen und sich in eine selbstgestrickte Welt flüchten. Wenn dieser Prozess in Gang getreten ist, dann wird nicht mehr differenziert, sondern pauschalisiert. Dann werden kleine, regionale Probleme mit schwergewichtigen, globalen Herausforderungen auf eine Stufe gestellt. Und dies ist der Weg, der dahinführt, dass – vor wenigen Jahren noch unvorstellbar – Personen wie Donald Trump Präsident werden können.
Akzeptieren heißt nicht zufriedengeben
Es stellt sich die Frage, wie mit kleinen, alltäglichen Dingen umgegangen werden soll. Dies unterliegt subjektiver Wahrnehmung, doch können hier sicher einige Abstufungen unternommen werden. Häufig wird etwa berichtet, dass weiße Personen Schwarzen einfach in die Haare greifen, gerne auch ohne zu Fragen. Das ist respektlos und nicht hinnehmbar. Ein anderes Streitthema ist die Herkunftsfrage, denn viele nicht-weiße Personen sind genervt von ihr. Nicht wenige empfinden diese Frage gar als diskriminierend. Dies ist meiner Auffassung nach ein anderer Fall – hier sollte Verständnis für beide Seiten aufgebracht werden. Es ist schlicht noch zu wenig Zeit vergangen, als dass es für die große Mehrheit völlig normal ist, dass unterschiedlichste Hautfarben zusammenkommen. In den meisten Fällen ist es eben so, dass der Vater oder Mutter, auf jeden Fall aber Großvater oder Großmutter aus Nigeria, Ghana, Marokko etc. stammt. Diese Fragen werden mit jeder Generation weniger. Und außerdem – wie bereits erwähnt – leben noch viele Menschen hier, die in diesem Land mit ausschließlich weißen Menschen aufgewachsen sind.
Wichtig ist hervorzuheben, dass dieses Akzeptieren keinesfalls ein Zufriedengeben bedeuten soll. Die Struktur hat jedoch nicht die klaren Konturen wie damals in den USA, als Martin Luther King gegen gesetzesmäßig verankerte Diskriminierung an das Rednerpult ging. Dieser Prozess der Normalisierung braucht Zeit. Viele schlagen ein Tempo an, dass angesichts des Umfangs und der Komplexität nicht angemessen ist. Die Gefahr ist das Entstehen umso stärkerer Kontrabewegungen.
Was ist das Ziel? Ein vorläufiges Fazit
Mit einer Portion Polemik könnte man mir nun vorwerfen, dass ich als weißer Mann fordere, dass die anderen nicht so laut sein mögen und Veränderungen bitte nur in homöopathischen Dosen erfolgen sollten. Doch nichts liegt mir ferner als das belanglose Verfassen eines tendenziösen Textes.
Einerseits gibt es die klare Notwendigkeit zu handeln, damit Transformationsprozesse angeschoben und in Gang gehalten werden, die aufgrund der sich rasch wandelnden Gesellschaft sowie auch der Globalisierung, im Sinne eines gemeinschaftlichen Zusammenlebens, unerlässlich geworden sind.
Andererseits gibt es – wie mehrfach im Text erwähnt – die Gefahr, dass bei zu hohem Tempo viele Menschen nicht mitgenommen werden und diese sich dann von der Grundidee des Miteinanders abwenden. Wenn dieser Teil zu groß wird, konterkariert es wiederum die pluralistische Idee der anderen.
Daher möchte ich diesen Text vor allem als Plädoyer für ein gesamtheitliches Miteinander verstanden wissen. Ebenso als Aufruf zu mehr Vorleben und weniger Vorschreiben.
M.T.