Standpunkt zur Stadtbilddebatte

Nachdem in Deutschland in den letzten Wochen auf allen möglichen Kanälen – Podcasts, Feuilletons, Talkshows etc. – über die „Stadtbild“-Äußerungen von Kanzler Merz diskutiert wurde und auch ich viele Diskussionen geführt habe, möchte ich die verschiedenen Stimmen gerne mal versuchen einzufangen und meine Sicht darauf erläutern.

Jeder weiß eigentlich worum es geht, aber ganz kurz: Unser Bundeskanzler war zu einem „Antrittsbesuch“ in Brandenburg. Dort hat er sich natürlich zeigen lassen, was es im Land alles Tolles, Neues zu sehen gibt, und er ist in einer Rede auf die AFD eingegangen, die wahrscheinlich auch in Brandenburg bald stärkste Kraft sein wird. Die AFD erreicht mit ihrem Anti-Migrations-Kurs sehr viele Wähler und darauf ging Merz als Kanzler ein. Er sagte, dass man hier schon viel erreicht habe, erwähnt die 60% weniger Asyl-Erstanträge im Vergleich zum Vorjahr und schiebt hinterher – „aber wir sehen das Problem natürlich weiterhin im Stadtbild“.

Letzteres ist das, worum es also geht. Wie ein Lauffeuer ging dieser Satz durchs Land und warf Fragen und Vorwürfe auf. Allen voran: Ist unser Kanzler ein Rassist? War das zumindest rassistisch?

Zunächst möchte ich mich der Frage zuwenden, wie bewusst diese Worte geäußert wurden. Denn darüber wurde viel spekuliert und es gab einige Stimmen, die ihm hier sogar Kalkül unterstellten. Das glaube ich nicht (das ist notwendigerweise spekulativ). Friedrich Merz hat schon einige problematische Aussagen getroffen – ich erinnere mich an die Zahnsanierungs-Aussage im Zusammenhang mit geflüchteten Ukrainern. Aber pauschale, abfällige Äußerungen über Menschen anderen Phänotyps kenne ich von ihm nicht und das war sicher nicht seine Intention. Es fühlten sich dennoch viele vor den Kopf gestoßen und die große Debatte darüber zeigt, wie ungeschickt diese Aussage war. In diesem Moment war er seinem Amt nicht gewachsen und er muss doch gemerkt haben, dass es Menschen verletzt hat. Ist es so schwer, sich – bevor er erklärt wie er es meinte – zu entschuldigen?

In dem aufgewirbelten Feld gibt es für mich zwei spannende Fragen: Zum einen gilt es zu diskutieren, inwiefern die Aussage – auch in der nachträglich erläuterten Fassung – rassistische Züge trägt. Zum anderen möchte ich der Frage nachgehen, inwiefern Merz, bei aller Diffusität, auch einen Punkt hat. Auch die Reaktionen des progressiv-linken Lagers werde ich diskutieren.

Viele Leute werfen Merz mit seinen Äußerungen explizit Rassismus vor. Hier ist jetzt meine vorangegangene Positionierung hinsichtlich der Bewusstheit wichtig. Hätte Merz in voller Absicht gesagt, dass Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund ein Problem im Stadtbild seien, wäre die Sachlage klar. Da ich diese Unterstellung allerdings für unsinnig halte, ist die Frage erstmal: was meint er überhaupt?

In seiner Klarstellung sagt er, dass „Migranten ohne dauerhaftes Aufenthaltsrecht und Arbeit, die sich nicht an die in Deutschland geltenden Regeln halten gemeint sind“. Weiter: „Diese bestimmten teilweise das öffentliche Bild in den Städten. Das betreffe Bahnhöfe, U-Bahnen, bestimmte Parkanlagen, ganze Stadtteile.“[1]

Jetzt ist die Frage, inwiefern diese Gruppe an eben jenen Plätzen auszumachen ist. Eine Quantifizierung ist hier schwierig, denn Bahnhöfe etwa sind ein hochfrequenter Ort. Herauszufinden, wie viele sich dort aufhalten, weil sie sich ein Brötchen kaufen möchten, gestrandet, weil Anschlusszug verpasst, oder es auf Handys anderer Leute abgesehen haben, stelle ich mir zumindest ziemlich schwierig vor.

Die (konkretisierte) Aussage trifft aber ein Gefühl in der Bevölkerung: einer ZDF-Umfrage nach stimmen 63% Merz zu.[2] Und hier stellt sich mir die Frage, ob es dann – bei den teils erheblichen Vorwürfen an Merz – so ist, dass fast zwei Drittel der Menschen in Deutschland einer rassistischen Äußerung zustimmen?

Ich gehöre auch zu denen, die sagen: Ja, irgendwie kann ich nachvollziehen, was Merz meint. Aber es fällt mir schwer, das Thema richtig einzugrenzen. Früher bin ich als Jugendlicher gerne in Berlin Kreuzberg rumgelaufen (heute noch genauso) und fand diese Fremde faszinierend. Am Maybachufer am Landwehrkanal über den Markt laufen und für einige Zeit könnte man meinen, man wäre in Istanbul gelandet. Aber ich weiß auch, dass das nicht einfach nur schön ist, sondern auch einiges an Problemen mit sich bringt, wie man besonders etwas weiter südlich in Neukölln mitbekommt. Dort hat jüngst der SPD-Bezirksbürgermeister Martin Hikel seinen Posten aufgegeben, weil er (v.a. im Kampf gegen Clan-Kriminalität) nicht mehr genügend Rückendeckung aus den eigenen Reihen bekommen hat. Die Integrationsbeauftrage Güner Balci sprach gar von einer Unterwanderung von Teilen der SPD durch Islamisten und Aktivisten.[3]

Die Ballung von Menschen fremder Kulturen auf engem Raum – also fern von den normalen Zahlen von etwa 25% Migrationshintergrund – bringt immense Probleme wie etwa Parallelgesellschaften mit sich und hinterlässt bei mir und dem überwiegenden Teil in der Bevölkerung auch ein mulmiges Bauchgefühl. Und um jetzt auf Merz zurückzukommen – die meisten dieser Menschen sind überhaupt nicht die, die jetzt von ihm angesprochen wurden, nämlich Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung. Die meisten leben schon sehr lange hier und bezeichnen ihren Wohnort als ihr zuhause, sogar ihre Heimat. Aber diese Räume ziehen die angesprochenen Menschen an und verstärken diese Ballung.

Bevor ich weiter versuche, mein Bauchgefühl, Merz Aussage und die Fakten zusammenzubringen, möchte ich einen ziemlich wichtigen Zwischenboden einziehen. Ich möchte hier direkt die Rassismus-Frage stellen. Wenn ich sage, dass ich – bei aller Faszination und Anerkennung des Potentials – diese Räume, in denen der Anteil der Menschen mit Migrationsgeschichte den Anteil der ohne übersteigt, problematisch finde – wie etwa im ganzen, über 300000 Einwohner zählenden, Berliner Bezirk Neukölln – ist das dann eine rassistische Aussage? Das hängt von der Begründung ab, die ich dazu liefere. Merz hat die problematischste Ebene gewählt – die visuelle. Wenn jemand einen vollen Platz sieht und sagt: „Hier sind mir zu viele Menschen mit dunkler Hautfarbe – das passt mir nicht!“ Dann ist der Rassismus unüberhörbar.

Um die Komplexität dieses Begriffs weiter aufzuschlüsseln muss der Grund hinzugezogen werden, warum diese Menschen im Stadtbildausschnitt sind. Sind da so viele Menschen mit sichtbarer Migrationsgeschichte, weil ein „Festival der Kulturen“ stattfindet? Ist es eine Demo gegen rassistische Polizeigewalt? Oder sind sie da „einfach so“ an den genannten Plätzen – in Parks, am Bahnhof etc. Und hier gibt es einen Punkt, der mindestens indirekt mit dem Phänotyp zu tun hat. Bei einem durchschnittlichen deutschen Stadtbild könnte man höchstens jeder vierten Person die Migrationsgeschichte ansehen. Geht das „Stadtbild“ in eine Richtung, dass Menschen mit nicht-weißem Phänotyp dominieren, ist die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass auch Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft dort sind. Klar, könnten auch alles Deutsche mit Migrationsgeschichte sein, aber rein statistisch gesehen – und so nehmen es auch die meisten Menschen wahr – halten sich an diesen Plätzen viele Menschen ohne deutschen Pass auf.

Damit möchte ich zu den von Merz angesprochenen Bahnhöfen kommen und da gibt es interessante Zahlen, die die Bundesregierung aufgrund einer Anfrage der AFD herausgegeben hat[4]. Es gab im Jahr 2024 an deutschen Bahnhöfen etwa 132000 polizeilich erfasste Delikte, wobei ca. 35000 Personen nicht erwischt wurden („unbekannt“). Bei 15% Ausländerquote in Deutschland[5] entspräche eine Zahl von ungefähr 15000 erfassten Tätern nichtdeutscher Herkunft dem Bevölkerungsschnitt. Jedoch ist der Anteil erfasster ausländischer Straftäter allein bei den Eigentumsdelikten schon bei über 15000. Der Schnitt wäre 15% – real sind es 60%! Auch bei den so sensiblen Sexualdelikten übersteigt die Zahl ausländischer Täter die 50% bei Weitem. Insgesamt beträgt der Schnitt insgesamt etwa 49% deutsch (30355) zu 51% nichtdeutsch (31.594). Das sind mehr als dreimal so viele Straftaten durch Ausländer als statistisch normal wäre.

Um eine letzte Veranschaulichung darzulegen: Wenn da 100 Menschen sind, wären an einem durchschnittlichen Platz 85 Deutsche und 15 Ausländer. Bei 100 Straftaten wären es dann 49 von den 85 Deutschen und 51 von den 15 Ausländern. Macht 0,58 Straftaten pro Deutschen und 3,4 Straftaten pro Ausländer. Menschen ohne deutschen Pass wären an deutschen Bahnhöfen also etwa sechsmal so kriminell wie Menschen mit deutschem Pass.

Ohne dass mir dazu Zahlen vorliegen, ist davon auszugehen, dass an Bahnhöfen überdurchschnittlich viele Ausländer unterwegs sind und dementsprechend auch deren Anteil erhöht. Wie steht es dann um die Geschädigten? Bei Eigentumsdelikten könnte man vermuten, dass – auch durch organisierte Kriminalität – die „wohlhabenden Deutschen“ im Visier sind. Tatsächlich ist die Zahl der geschädigten Deutschen bei Eigentumsdelikten mit ca. 60% (21097) deutlich höher als die Anzahl ausländischer Geschädigter (13147), aber auch deutlich unter dem Gesamtbevölkerungswert von 85%.

Interessant und brisant wird es bei Sexualdelikten. Hier sind es auf der einen Seite etwa 60% (768) ausländische Straftäter, bei ca. 82% (1805) geschädigter Deutscher auf der anderen Seite .[6]

So. Das steht da jetzt erstmal und nun ist die Frage, wie mit solchen Zahlen verfahren wird. Es gibt berechtigte Kritik an der Aussagekraft dieser nackten Zahlen. Es ist für die weitere Beurteilung – vor allem im Hinblick auf Merz Konkretisierung – wichtig zu wissen, ob die Menschen in Deutschland ihren Wohnsitz haben, oder aus dem Ausland kommen. Die Quote gibt die Polizei hier mit etwa 20% „Ausländer mit Wohnsitz im Ausland“ an.[7] Weiterhin werden Ausländer häufiger angezeigt und häufiger kontrolliert.[8]

Im Hinblick auf die vorliegenden Bahnhofzahlen sind diese Einwände jedoch auch nur teilweise relevant. Bei Sexualdelikten spielt die häufigere Kontrolle zum Beispiel keine Rolle. Selbst wenn Sexualdelikte deutscher Straftäter seltener angezeigt wurden – die Zahl von 60% ist enorm hoch, sodass man 20% wegnehmen könnte und immer noch wäre der Ausländeranteil an Sexualdelikten viel zu hoch. Jetzt kommt hinzu, dass die Opfer von Sexualdelikten zu etwa 95% Frauen sind[9] und damit schlage ich dann auch wieder den Bogen zu Friedrich Merz und seinem ersten Konkretisierungsversuch: Fragen Sie doch Ihre Töchter!

Man kann das plump und stillos finden. Man kann Merz vorwerfen, dass er ein komplexes Feld viel zu pauschal und plakativ thematisiert. Aber eins kann man nicht: Sagen, dass sein Zusammenhang zwischen Ausländeranteil und der Sicherheit von Frauen in der Öffentlichkeit aus der Luft gegriffen ist.

Und bei der Stadtbildthematik ist es ähnlich. Es ist hochproblematisch, einen Zusammenhang zwischen Hautfarbe und Kriminalität herzustellen. Es ist sehr dünnes Eis. Wenn man es macht, dann sollte man sehr sensibel und korrekt vorgehen – was Merz nicht gemacht hat. Aber im Hinblick auf das Bauchgefühl, das sagt, irgendwie kann ich schon nachvollziehen, was er meint, ist es auch so, dass es eben eine Korrelation zwischen Hautfarbe und Ausländer gibt. Und mit den Bahnhofsstatistiken kann auch eine Linie zu erhöhter Kriminalität gezogen werden. Und auch wenn zu Merz‘ Stadtbild sicher auch gehört, wie gepflegt diese Menschen aussehen, hätte ich an seiner Stelle dieses Minenfeld eher umschifft. Auch wenn ungewollt – es trifft und verletzt viele Menschen, denn in einer Antrittsrede ist nicht ausreichend Platz für den zwingend erforderlichen komplexen Kontext.

Nachdem nun der Sachverhalt „Bahnhof“ besprochen wurde, möchte ich noch auf die Reaktionen und die Kritik, die auf Merz schließlich einprasselte, eingehen. Ich selbst habe meine Kritik an Merz vorgetragen und komme nun zu einer Kritik an der Kritik. Denn es gab wieder so viele reflexhafte Gegenmeinungen, die, bei aller berechtigter Kritik, einfach alles plattgebügelt haben. Es gab bei vielen noch nicht einmal den Versuch zu verstehen, was Merz gemeint haben könnte.

Und dann diese ganzen Versuche, Zahlen wie oben so zu erklären, dass man bitte Verständnis haben soll. Kriminologen, die betonen, dass „soziale Faktoren wie Armut, psychische Belastungen und Gewalterfahrungen eine größere Rolle spielen als die Nationalität.“[10] Dann könnte man im Umkehrschluss auch sagen: Gut, dann bitte keine Menschen mehr aus Konfliktregionen und mit Fluchthintergrund. Man kann Sätze lesen wie: „Die Opferschaft einer Erpressung sowie einer Körperverletzung mit einer Waffe hat sich darüber hinaus seit 2015 mehr als verdoppelt.“[11] Um dann Erklärungsversuche wie diese zu lesen: „Migration, Nation, Kultur – Themen, die nur deshalb zentral sind, weil die AfD sie zu Identitätsmarkern gemacht hat“.[12] Klar – und die Verdoppelung der Zahlen innerhalb der letzten 10 Jahren? Wegen TikTok? Markteinführung von Fortnite?

Für Opfer sind solche Argumentationen blanker Hohn und sehr viele Menschen in diesem Land fühlen sich damit einfach schlicht nicht ernstgenommen. Es braucht dann keine Zahlenversteher, die alle möglichen Gründe angeben, nicht aber den großen Flüchtlingsstrom vor 10 Jahren nennen. Es kommt nun die Zeit, in der die Weihnachtsmärkte wieder aufgebaut werden und damit auch die ganzen Anti-Terror-Poller. Auch das gehört zur Wahrheit – es waren Anis Amri und Taleb al-Abdulmohsen, die mit Fahrzeugen in Weihnachtsmärkte rasten. Beide hatten in Europa Asyl beantragt[13]. Auch ein Issa al Hasan oder Farhad N. verübten als Schutzsuchende tödliche Anschläge auf belebte Plätze. Hierbei möchte ich Anschläge von Rechts wie in Hanau oder München nicht unerwähnt lassen. Aber wenn ein Viktor Orban sich hinstellt und sagt: Ich habe die bei uns nicht reingelassen – und wir haben auch keine Anschläge, dann kann man wiederum alles Mögliche dazu sagen. Was bleibt: Wären die o.g. Personen nicht nach Deutschland gekommen, bzw. schneller abgeschoben worden, hätten die Menschen nicht ihr Leben bei einem Anschlag lassen müssen. Dann bräuchten wir jetzt keine teuren und hässlichen Poller auf jedem Weihnachtsmarkt in der Republik.

Diese Ehrlichkeit vermisse ich bei den Kritikern, insbesondere bei den laut empörten. Nur weil der offensichtliche Zusammenhang beim Namen genannt wird, in diesem Fall zwischen Ausländeranteil/Migration und Kriminalität, heißt das ja noch lange nicht, dass damit direkt zur Tat geschritten wird. Mein Eindruck ist, dass durch Furcht vor negativen Konsequenzen für das eigene politische Leitbild, sehr häufig nicht sein soll, was nicht sein darf. Dann wird lieber in das Arsenal der Abwehrwaffen gegriffen und von Deutungshoheiten und Narrativen gesprochen.

Selbstverständlich ist das ein wichtiger Punkt, jeder weiß, was ein und das selbe Bild für einen unterschiedlichen Effekt haben kann, wenn nur der Rahmen geändert wird. „Die sinnlichen Ausdrucksmittel können manchmal bei ganz konträren Zielen dieselben sein“, sagte Victor Klemperer, Philologe jüdischer Abstammung nach dem Krieg.[14]

„Framing“ wird das Einpassen von Fakten – gerne schön zurechtgestückelt – in einen gewünschten Rahmen genannt. Die AFD ist auf diesem Feld ein Meister, wie sie mit kurzen Videos auf diversen Plattformen immer wieder unter Beweis stellt. Aber die AFD hat hier ganz gewiss kein Monopol, Nebelkerzen von Links gibt es ebenfalls sehr häufig.

Merz‘ Intentionen waren äußerst problematisch gerahmt. Derart, dass der Begriff Rassismus naheliegt. Zieht man jedoch die Konkretisierung heran, sprechen die Zahlen eine Sprache, die ihn unterstützen. Das Ansprechen von Missständen jedenfalls kann kein Rassismus sein.

Bleibt festzuhalten, dass Merz als Kanzler noch deutlich achtsamer mit seiner Sprache umgehen muss. Bei der Stadtbilddebatte vermisse ich jedoch bei vielen seiner Kritiker die Differenzierungsfähigkeit, die es bräuchte, um die Thematik nicht unterkomplex zu diskutieren.


[1] https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/merz-stadtbild-debatte-petition-102.html

[2] https://presseportal.zdf.de/pressemitteilung/zdf-politbarometer-oktober-ii-2025

[3] https://www.spiegel.de/politik/deutschland/berlin-neukoelln-guener-balci-kritisiert-spd-unterwanderung-durch-islamisten-a-b061cab2-7d5e-4187-9391-3a4ea8dcd931

[4] https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1056222

[5] https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Demografischer-Wandel/_inhalt.html#120366

[6] Die absoluten Zahlen stimmen hier aufgrund der vielen unbekannten Straftäter nicht überein.

[7] https://mediendienst-integration.de/artikel/migration-und-kriminalitaet.html

[8] Ebd.

[9] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1563186/umfrage/opfer-von-vergewaltigung-und-sexueller-noetigung-in-deutschland-nach-geschlecht/

[10] https://www.telepolis.de/article/Messerattacken-2024-Die-wahren-Zahlen-hinter-der-Bahnhof-Kriminalitaet-10395538.html

[11] Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen E.V., Jugendliche in Niedersachsen. Ergebnisse des Niedersachsensurveys 2022, S.55

[12] Florentine Dömges auf: https://skywriter.blue/pages/did:plc:g5jk7uwtzvmcwwrrfuywlsim/post/3lxtkgzhhzk24

[13] Wenn auch aus völlig verschiedenen Gründen. Genau wie auch das Anschlagsmotiv unterschiedlicher nicht sein könnte. Das spielt für die Opfer jedoch keine Rolle.

[14] LTI. Notizbuch eines Philologen. Halle 1946

Zum Fall Lorenz

Vorweg: Über diese Sache zu schreiben, ist für mich besonders, da der Fall relativ nah an mein persönliches Umfeld geht. Meine beiden Söhne kannten Lorenz – wenn auch flüchtig, vor zwei, drei Jahren war er sogar mal bei uns zu Besuch. Enge Freunde kannten ihn näher oder waren mit ihm befreundet.

Meine Familie und ich waren am Ende April bei der großen Demo auf dem Pferdemarkt in Oldenburg und wir wollen auch bei der kommenden Veranstaltung Ende Juni erscheinen. Zur Erinnerung: Lorenz wurde von einem Polizisten mit mehreren Schüssen von hinten erschossen. So etwas macht fassungslos und wütend und erfordert unbedingt Aufklärung. Mittlerweile sind zwei Monate vergangen und es ist still geworden, die Sorge wächst, dass der Fall allmählich versickert wie etwa 2021 in Delmenhorst, als ein junger Geflüchteter in Polizeigewahrsam starb.

Was mich an diesem Fall beschäftigt, sind zum einen die Frage, warum die Polizei sich mit der Aufklärung solcher Fälle so schwertut. Zum anderen frage ich mich, inwiefern Rassismus mit dem Fall etwas zu tun hat.

Zunächst zur Polizei. Ausgerechnet die Polizei Delmenhorst hat die Ermittlungen zum Fall Lorenz übernommen. Dort ist 2021 der 19-jährige Qosay Khalaf in Polizeigewahrsam gestorben und Oldenburg hat ermittelt – bis alles ohne jegliche Konsequenzen eingestellt wurde[1]. Nun also ermittelt Delmenhorst in Oldenburg und das schreit nach „eine Hand wäscht die andere“, was das Vertrauen der Bevölkerung in die Polizei untergräbt. Da beide Opfer nicht weiß waren schwindet das Vertrauen insbesondere bei der Bevölkerung mit Migrationsgeschichte, also 25 Millionen Menschen! Das ist für die Polizei eine hochproblematische Entwicklung und daher stellt sich die Frage, wie Ermittlungen gegen die Polizei auch anders gehen könnte.

Ein Blick in das nördliche Nachbarland Dänemark zeigt wie es geht. Eine unabhängige Beschwerdebehörde, die personell und finanziell gut ausgestattet ist, übernimmt in solchen Fällen. In Deutschland spricht die Polizei bei den Forderungen nach unabhängiger Kontrolle sofort von „Generalverdacht“, „Einzelfällen“ und weiteren Floskeln. Und je häufiger diese Worte fallen, desto unglaubwürdiger wird sie dabei. Noch ist das Vertrauen in die Polizei hierzulande groß, in vielen europäischen Ländern aber ist sie, auch wegen vergleichbarer Fälle wie in Oldenburg im April diesen Jahres, deutlich gesunken[2].

Warum lehnt die Polizei eine externe Kontrollinstanz wie in Dänemark ab? Geht es gegen die Berufsehre? Ist es die Furcht vor Kontrollverlust? Die Polizei argumentiert, dass die internen Kontrollmechanismen ausreichend seien und eine externe Kontrolle nur Geld kosten würde[3]. Nicht überzeugend in Anbetracht der Anzahl der Beschwerden über die Polizei. Nur in NRW gab es im Jahr 2023 allein 3314 Beschwerden gegen die Polizei, wovon keine einzige eine negative Konsequenz für einen Polizeibeamten nach sich zog.[4]

Eins der typischen „Einzelfall“-Themen der Polizei ist Rassismus. Die einen nennen es Einzelfall und die anderen sprechen von „strukturellem Rassismus“. Damit komme ich zu dem zweiten angesprochenen Punkt und der stellt sich – wie ich finde – deutlich komplexer dar. Allein der Begriff „struktureller Rassismus“ ist schon schwierig. Rassismus an sich ist so ein großes Thema[5], dass häufig Unterkategorien gebildet werden wie eben strukturell, institutionell, antimuslimisch, Alltagsrassismus etc. Einerseits nachvollziehbar, andererseits sind diese Kategorien aber auch immer wieder problematisch. Beispiel genannter struktureller Rassismus: Wie kann eine Struktur rassistisch sein? Ab wann ist etwas überhaupt eine Struktur? Sind es nicht immer die Menschen dahinter, die rassistisch strukturiert sind? Oder nach Pierre Bourdieu: Tragen wir nicht alle die Strukturen der Gesellschaft in uns und wirken wiederum strukturierend auf unser Umfeld? Alles ist Struktur.

Daher grundsätzlicher formuliert: Es gibt Menschen mit rassistischen Einstellungen, die häufig in ungerechten Handlungen münden. Und damit zur Frage: Hat die Tötung von Lorenz A. eine rassistische Färbung?

Ganz wichtig für den Versuch, diese Frage zu beantworten, sind die Umstände, unter denen er zu Tode gekommen ist. Wie hat sich der Fall ereignet? Immer wieder habe ich im Zuge der Proteste gegen die Polizei den Namen George Floyd gehört und gelesen und das ist m.E. völlig unzulässig. Floyd ist nach einem Bagatelldelikt, ohne dass je eine Gefahr für Polizisten bestand, durch langandauernde Gewalt qualvoll erstickt („I can‘t breathe!“). Lorenz aber hat im Vorfeld mehrere Menschen angegriffen und bedroht und letztendlich auch die Polizei mit Pfefferspray angegriffen. Die Ausgangslage ist also eine völlig andere.

Auf dem großen Protest auf dem Oldenburger Pferdemarkt Ende April gab es anfangs eine lange Kundgebung. Eine Rede fing damit an, dass die Namen der Todesopfer mutmaßlich rassistisch motivierter Polizeigewalt vorgetragen wurden. Es waren schätzungsweise zehn Namen und ein Zeitraum von fast 25 Jahren. So schrecklich jeder einzelne Fall ist, aber für Begriffe wie „strukturell“ oder „institutionell“ reicht das nicht aus. Um Rassismus in der Polizei aufzudecken – und den gibt es in der Polizei mindestens genauso, wie es eben Rassismus in der Gesellschaft gibt – braucht es mehr und genaue Zahlen.

Die Zahl tödlicher Schüsse durch Polizeibeamte in Deutschland ist niedrig, aber tendenziell steigend. Zwischen 2000 und 2009 waren es ungefähr sieben Todesschüsse pro Jahr, von 2010 bis 2019 waren es etwa zehn Menschen, die durch die Waffen eines Polizisten pro Jahr starben. Von 2020 bis heute sind es bereits 15 pro Jahr[6]. Aber welche Menschen sich hinter diesen Zahlen verbergen, liegt völlig im Dunkeln.

Für die USA gibt es eine öffentlich zugängliche Statistik, die die Todesschüsse auch nach Ethnien der Opfer zuordnet. Es waren im Zehnjahreszeitraum 2015-2024 insgesamt 9220 Menschen. In Deutschland waren es im gleichen Zeitraum 130 Tote, wenn man diese Zahl auf die Bevölkerungszahl der USA angleicht, wären es ca. 520. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei einem Polizeieinsatz ein Mensch stirbt ist in den USA demnach 20-mal höher als in Deutschland. Schwarze Menschen sind in den USA besonders betroffen. Die Gefahr bei einem Einsatz getötet zu werden ist mehr als doppelt so hoch wie bei weißen Menschen[7].

Um auf den Fall Lorenz zurückzukommen und die Frage, inwiefern Rassismus eine Rolle spielt, müssten auch hierzulande die Zahlen transparenter sein. Aber so oder so bleibt es ziemlich spekulativ. Es wurde bisher nichts bekannt von explizit rassistischen Tendenzen des Schützen und dass er aus rassistischer Motivation abgefeuert hat, ist nicht belegbar. Wahrscheinlicher ist, dass das „System Mensch“ versagt hat und ein Polizist mit der Situation überfordert war und völlig falsch reagiert hat. Trotzdem bleibt für mich die Frage, ob auch ich erschossen worden wäre, wenn ich mich genauso wie Lorenz verhalten hätte.

Mir gelingt es nicht, ein Szenario auszumalen, dass einen derartigen Einsatz der Schusswaffe rechtfertigt und daher darf dieser Polizist in meinen Augen nie wieder eine Waffe in der Hand halten und gehört vor Gericht. Dass die Polizei Delmenhorst aber die Ermittlungen leitet, hat auch für mich einen ganz faden Beigeschmack.

Ich werde mit meiner Familie zur Gedenkveranstaltung an diesem Sonntag auf den Rathausmarkt gehen. Dort werde ich auch wieder Blödsinn lesen und hören wie „ACAB“ oder „Abolish the police“. Ich bin überzeugt, dass die meisten Polizeibeamten ihren Job gewissenhaft und verantwortungsvoll machen. Aber ich bin nach dem Tod von Lorenz auch überzeugt, dass die Polizei eine unabhängige Kontrollinstanz braucht. Das wäre im Interesse aller Menschen, die sich durch die Polizei ungerecht behandelt fühlen und es wäre letztendlich auch im Interesse der Polizei und der Gesellschaft, weil es das Vertrauen in die Polizei und deren Glaubwürdigkeit stärken würde.


[1] https://taz.de/Ermittlungen-im-Fall-Qosay-Khalaf/!5821955/

[2] https://de.statista.com/infografik/30397/anteil-der-befragten-die-denken-dass-machtmissbrauch-in-der-polizei-weitverbreitet-ist/

[3] https://www.bpb.de/themen/innere-sicherheit/dossier-innere-sicherheit/201425/kontrolle-der-polizei/

[4] https://www1.wdr.de/nachrichten/nrw-polizei-beschwerden-100.html

[5] Im Text „Über Rassismus“ habe ich mich dazu ausführlich geäußert.

[6] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/706648/umfrage/durch-polizisten-getoetete-menschen-in-deutschland/

[7] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/611009/umfrage/durch-polizisten-getoetete-menschen-in-den-usa-nach-bevoelkerungsgruppen/

Über die Brandmauer gegen die Rechten

veröffentlicht am 2.2.2025

Turbulent geht es zu auf den politischen Bühnen unserer Republik. Wer mit wem, wie ist was zu deuten, Schuldzuweisungen, Verantwortungsfragen und, und, und. Hintergrund ist ein Novum im Bundestag, da ein Antrag zu einem Gesetz mit den Stimmen der AfD angenommen wurde. Es ist also kein AfD-Antrag, sondern durchaus ein Antrag, hinter dem mehr oder weniger die gesamte CDU steht und mit dem auch FDP und vereinzelt Mitglieder anderer Fraktionen mitgehen können. Das Problem: Es reicht nicht für die Mehrheit. Diese kam nun erst dadurch zustande, dass die AfD mit votierte und so „Mehrheitsbeschafferin“ wurde. Es ist ein CDU-Antrag, der nur durch Mitwirken der extremen Rechten den Bundestag passierte. Das Gesetz, das „Zustrombegrenzungsgesetz“, ist letztendlich gescheitert, weil einige Abgeordnete die Tatsache, dass das Gesetz nur durch die AfD mehrheitsfähig sein kann, eben nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten.

Allgegenwertig ist der Begriff „Brandmauer“. Er ist in Überschriften zu lesen, steht auf Plakaten, wird von diversen Menschen aus unterschiedlichsten Umfeldern in Interviews und Meinungsäußerungen benutzt. Er bedeutet, dass eine Art Schutzwall aufgebaut werden muss, durch den die Rechten nicht durchkommen. Wenn also dieser Schutzwall – die Brandmauer – stark genug und ohne Risse ist, dann bleibt die demokratische Mitte geschützt und die Rechten außen vor.

Auf der kommunalen Ebene ist diese Brandmauer bereits diverse Male eingestürzt, da die AfD an einigen Orten einfach zu stark ist und eine Politik ohne sie gar nicht möglich. Und nun ist der Aufschrei groß, denn dieser Schutzwall hat durch das Zusammenarbeiten mit den Rechten auch auf Bundesebene einen großen Riss erlitten. Die AfD jubelte im Bundestag – beschämenderweise auch noch an einem Tag, der mit einer Gedenkstunde für die Holocaust-Opfer im Bundestag begann, wie der Spiegelredakteur Jonas Schaible herausstellte. Und Ungarns Präsident Orban, der keinen Hehl daraus macht, dass er von vielen demokratischen Strukturen nicht viel hält, rief Deutschland zu: „Willkommen im Club!“.

Nun zu dem, was ich mit diesem Text eigentlich will. Denn ich habe bei all diesen Ereignissen viele Fragen und merke, dass sehr viele Menschen sich sicher zu sein scheinen, dass die Aufrechterhaltung einer Brandmauer der richtige Weg ist. Was ist aber, wenn diese Brandmauer nur ein gefühlter Schutz ist und von außen untergraben werden kann? Dass man sich also in trügerischer Sicherheit wähnt, während permanent der Einfluss von der anderen Seite im Inneren größer wird, selbst wenn alle an einem Strang ziehen, um den Schutzwall zu schützen?

Die wichtigste Frage muss doch lauten: Wie kann ein weiteres Erstarken der AfD gestoppt werden? Und neben vielen weiteren Dingen, wie etwa Social Media oder die Unterwanderung durch fremde Staaten, ist eine wichtige Frage, ob das Einbinden in Entscheidungen oder gar Regierungsverantwortung die Partei weiter stärkt oder ob sie dadurch auch einen gewissen Zauber verliert. Wird die AfD wirklich stärker dadurch, wenn Gesetze durch sie mehrheitsfähig werden? Oder entspricht das nicht einfach dem demokratischen Wählerwillen und stärkt letztendlich eine Demokratie? Man wird sich in absehbarer Zukunft mit ihr arrangieren müssen. Sie ist eine etablierte Partei, die sich höchstens selbst durch eigene Zerstrittenheit schaden könnte. Also wie geht man mit ihr um?

In Österreich ist die vergleichbare Partei die FPÖ. Sie ist bereits im Jahr 2000 in Regierungsverantwortung gekommen. Es gab internationale Proteste und gar Sanktionen gegen Österreich, was das Ansehen der EU in Österreich geschadet hat. Das Zustimmungsbarometer sank infolge dieser Sanktionen auf ein Rekord-Tief[1]. Die Koalition ist zwei Jahre später auseinandergebrochen und die FPÖ war anschließend geschwächt. Mittlerweile aber ist sie so stark wie nie zuvor. Würde jetzt gewählt werden, wäre sie mit etwa 35% mit Abstand stärkste Kraft.

Woran man sich auch erinnern kann, ist der Aufstieg der Nationalsozialisten. Durch Wirtschaftskrise und Unfähigkeit anderer Parteien, sich auf eine gemeinsame Politik zu einigen, wuchs die Zustimmungsrate der NSDAP von 2,6% im Jahr 1928 auf 43% im März 1933. Als Hindenburg Hitler schließlich zum Kanzler ernannte, war es – mit so einem hohen Sitzanteil im Reichstag, den damaligen Unruhen und der wackligen Verfassung der Weimarer Republik – für ihn ein leichtes, das demokratische Grundgefüge auseinanderzubrechen.

Was lehrt also die Geschichte für die aktuelle Situation?

Die Situationen sind häufig nicht vergleichbar, allenfalls gewissen Strukturen. Damals war die Welt deutlich übersichtlicher, ohne schnelllebiges Internet und Social-Media-Plattformen. Die heutige Verfassung ist viel stabiler als die der Weimarer Republik. Und ein wichtiger Unterschied ist: damals ging es Millionen von Menschen wirklich sehr schlecht. 1932 waren 5,6 Millionen Menschen erwerbslos – eine Quote von ca. 9%! Und dabei gab es keine vergleichbare Absicherung wie heute. Heutzutage aber geht es den Menschen materiell gesehen so gut wie nie. Was die Menschen verunsichert, ist die Angst, dass es ihnen in Zukunft schlechter gehen könnte. Die Angst vor Überfremdung und auch die Angst, dass grundlegende Normen, etwa in Bezug auf die Kategorie „Mann und Frau“, wegbrechen könnten.

Stetig aber ist, dass die Menschen radikale Parteien wählen, wenn sie unzufrieden sind. Da hilft keine noch so starke Brandmauer. Nach den jüngsten Anschlägen und Schreckenstaten ist es nun mal so, dass sie nicht passiert wären, wenn die Attentäter nicht ins Land gekommen, oder schneller wieder herausgeschickt worden wären. Es könnte sich auch mancher denken, hätte die AfD ein paar Prozente mehr gehabt, dann wäre das Gesetz durchgegangen (was einen hohen Zustimmungsanteil in der Bevölkerung hat).

Und so geht es zu der großen Frage, was denn der richtige Weg ist, um die radikalen Kräfte kleinzuhalten?

Ich habe deutlich mehr Fragen als Antworten. Das Wort Brandmauer überzeugt mich nicht. Es ist trügerisch, da sie das, worum es eigentlich geht, nicht erreicht – die Ergebnisse bei Wahlumfragen nicht wachsen zu lassen und am besten zu verringern. Das sehe ich zumindest aus meiner Perspektive. Ein echter Schutz vor radikalen Kräften ist Politik, die die Akzeptanz der Menschen findet. Häufig ist es so, dass Politiker gerne etwas durchsetzen wollen, was auch große Unterstützung in der Bevölkerung findet, aber an den Hürden der Bürokratie scheitern. Da gibt es quälend langsame Prozesse.

Ämter und Verordnungen, Richtlinien und Gesetze lähmen das Land!

Wenn ich als Lehrer auf Klassenfahrt fahre – was ich sehr gerne mache – gibt es allein so viele Versicherungsstolperfallen und Erlasse, die zu berücksichtigen sind, dass es viele gibt, die einfach keine Klassenfahrt mehr machen. Wenn wir in einen Bus steigen sind wir verpflichtet, Fotos von der Reisegruppe zu machen, um im Fall des Falles, dass wir einen Unfall haben, der Bus ausbrennt und wir bis zur Unkenntlichkeit verbrennen, im Nachhinein rekonstruiert werden kann, wer wir sind. Das ist so verrückt, dass man es kaum glauben kann. Daher würde ich mir mutige Politiker wünschen, die sich ernsthaft dem Bürokratieabbau widmen. Und wenn es so gemacht wird, dass – zufällig ausgesucht – die Hälfte aller dieser Verordnungen etc. weggestrichen werden. Und dann mal schauen, welche wirklich benötigt werden. Es wird schon so lange über Bürokratieabbau gesprochen, aber es wird immer schlimmer. Wenn daran wirksam gearbeitet würde, könnte Politikverdrossenheit und somit auch radikalen Kräften wirksam entgegengetreten werden.

Weiterhin ist das alte Gleichgewicht zwischen konservativer und linker Politik nicht mehr vorhanden. In der Geschichte der Bundesrepublik war es von 1949 – 2013 mit einigen Ausnahmen immer so, dass entweder eine CDU-Regierung konservative Politik betreiben konnte, oder aber eine SPD-Regierung eher linke Politik durchsetzen konnte. Der Wählerwunsch konnte immer relativ gut abgebildet werden. Seit den Jahren der großen Koalition sind die beiden großen Parteien aber so klein geworden, dass die alten Mehrheiten nicht mehr zu erreichen sind. Im Gegenzug ist die AfD in den Bundestag eingezogen und dort stetig größer geworden. Da keine der alten Parteien aber mit dieser Partei zusammenarbeitet, sind diese Plätze im Parlament wie totes Gewebe der Demokratie. So kommt es, dass die Stimmung im Volk nicht mehr im Parlament abgebildet werden kann, denn die Kompromisse, die Ampel-, CDU-SPD – oder CDU-Grüne-Koalitionen machen müssen, entsprechen in vielen Bereichen nicht dem Stimmungsbarometer des Volkes. Das stärkt letztendlich die AfD, was dafür sprechen würde, dass sie in Regierungsverantwortung geholt werden sollte, bevor sie stärkste Partei des Bundestags wird.

Es gäbe noch viele weitere Dinge heranzuziehen, wie etwa der Einfluss autoritärer Staaten via Social-Media verringert werden kann. Oder grundsätzlich der Umgang mit Plattformen wie TikTok & Co.

All das wären in meinen Augen schärfere Schwerter gegen radikale Kräfte, als der ständige Ruf nach einer Brandmauer.


[1] https://europa.eu/eurobarometer/surveys/detail/1407

Die Sportnote

Die Leistungsbewertung anhand von Ziffern von 1-6 ist seit ich denken kann ein strittiger Diskussionspunkt unter Pädagogen. Der Hauptkritikpunkt ist, dass die Bewertung anhand einer Ziffer auf dem Zeugnis zu pauschal ist und nicht dazu geeignet, das erbrachte Leistungsspektrum adäquat abzubilden. Braucht sie auch nicht, sagen die anderen, es ist eben eine Gesamtdarstellung der Leistung. Dass hinter dieser Darstellung manche Dinge besser oder schlechter liefen, ist logisch.

Bei der Sportnote ist diese Diskussion noch stärker, da das Fach sehr körperorientiert ist und offensichtlich, dass manche hier klare Vorteile haben und andere wiederum von vorneherein wissen, dass sie beispielsweise im Weitsprung nie eine 2 erreichen werden. Aber darauf möchte ich nicht weiter eingehen. Ich bin pro Note, weil sie eine deutliche und übersichtliche Leistungsrückmeldung ist, die jeder versteht – das Zustandekommen muss nur fair und transparent sein. An meiner Schule gibt es sogenannte LEBs (Lernentwicklungsberichte) in den Jahrgängen 5-7 und die allermeisten – Eltern, Lehrer, Schüler – sind froh, wenn die achte Klasse erreicht ist und es endlich Rückmeldung in Form von Ziffern gibt. Und nur auf Sport bezogen macht es auch keinen Sinn: ich zum Beispiel konnte mich anstrengen wie ich wollte, hatte über viele Jahre Nachhilfe – aber eine 2 in Mathe war für mich unerreichbar.

Daher nun zum Thema: die Sportnote. In meiner eigenen Schulzeit war sie häufig die beste Note auf meinem Zeugnis. Nur in Schwimmen war ich nie besonders, da hatte ich sogar mal nur eine 3 am Ende. Im Studium wurde ich meist auch mit Ziffern bewertet. Es gab klare Leistungskriterien und anhand derer wurde bewertet. In Schwimmen hatte ich ein Glück einen Kurs der nur mit „bestanden oder nicht bestanden“ bewertet wurde.

Im Referendariat bin ich dann selbst in die Situation gekommen Noten zu vergeben und ich weiß, dass ich es sehr schwer fand (wie fast alles in dieser furchtbaren Zeit). Meine Ausbilder fuhren bewertungstechnisch eine ziemlich harte Linie, an der Schule bin ich wiederum auf Kollegen gestoßen, die mir sagten: „Das Notenspektrum im Sportunterricht geht doch nur von 1-3!“

Nun, bereits über zehn Jahre im richtigen Berufsalltag, habe ich für mich eine Linie entwickelt, mit der ich gut fahre. Dass das Notenspektrum nur von eins bis drei geht, habe ich nie angenommen, weil es anderen gegenüber einfach unfair wäre jemanden mit drei zu bewerten, obwohl er gar nicht richtig mitgemacht hat. Während es in anderen Fächern die klassische Aufteilung schriftlich und mündlich (in unterschiedlichen Gewichtungen) gibt, gibt es in Sport – ganz grob gesagt – die Aufteilung in Leistung und Aktivität/Mitarbeit. An meiner Schule ist die Gewichtung hier 50/50.

Durch diese klare Aufteilung ergeben sich für mich drei Notenfelder: Der Bereich 1-2 (Leistung), der Bereich 3-4 (Bereitschaft) und der Bereich 5-6 (Leistungsverweigerung).

Beispiele: Ich habe häufig den Fall, dass die Ausdauerleistungen von Schülern erschreckend schwach sind. Aber eins ist klar: Wenn sie sich anstrengen, schwitzen und mitmachen, dann kann es keine 5 auf dem Zeugnis werden, auch wenn die Leistung nach Tabelle eine 6 ist (eine 3 wird es dann natürlich auch nicht). Ich habe auch schon eine 6 auf dem Zeugnis vergeben: So gut wie nie mitgemacht, ständig Sportsachen nicht dabei und dann auch noch nicht beim Auf- und Abbau und sonstigem helfen wollen. Dafür gibt es dann diese Ziffer. Eine 1 oder 2 dagegen kann nicht nur durch Leistungsbereitschaft erzielt werden – dafür muss am Ende auch Leistung stehen.

Gerade in der heutigen Zeit, in der Kinder und Jugendliche massiv durch TikTok und andere Kurzvideodienste geprägt sind und ihre Aufmerksamkeitsspanne geringer wird, ist es wichtig, dass sie wissen, dass sich Ausdauer, Beharrlichkeit und Wille am Ende auszahlt. Ich sage es meinen Schülern immer wieder: Ich schaue darauf, wer wirklich an sich arbeitet, wer schwitzt oder wer eben doch nur versucht, das Anstrengende zu vermeiden.

Und so sagt die Sportnote letztendlich auch etwas aus, was für viele Betriebe bei Bewerbungen nicht unerheblich ist. Es gibt immer wieder mal den Fall, dass eine Person per Attest vom Sportunterricht freigestellt ist. Da heißt es dann, dass die Note durch eine theoretische Ersatzleistung erbracht werden muss. Das finde ich einerseits richtig, andererseits kann und darf diese Note niemals die reguläre Sportnote ersetzen. Dann muss es mindestens im Bemerkungsfeld lauten: „Die Zensur im Fach Sport wurde durch theoretische Ersatzleistungen erbracht.“

Denn – und damit beschließe ich dieses Thema:

  • Wenn sich jemand eine 2 in Sport erarbeitet hat, dann muss hinter dieser Note eine körperlich fitte Person stecken.
  • Nur weil jemand körperlich nicht fit ist, heißt es noch lange nicht, dass eine drei nicht erreichbar wäre. Einsatz und Bereitschaft ist die halbe Miete.
  • Die 5 und 6 wird benötigt, damit sich die 4 (ausreichend) auch erarbeitet werden muss.

Zu Schule und Digitalisierung

Verfasst im März 2021.

Über die Schule wird viel gesprochen zurzeit und es bewegt sich so viel und so schnell, wie wohl noch nie seit 1945. Wir leben in einer Zeit, die man später „Digitale Revolution“ nennen wird. Zusammen mit der Corona-Pandemie ist es wohl das, was bei Siedler von Catan „Zeit der Wirren“ heißt. Licht ins Dunkel bringt seit je her die Wissenschaft und diese ist nun gefragt!

Ich möchte im Folgenden einige kritische Anmerkungen zu der ins Rollen gebrachten und nicht aufzuhaltenden Digitalisierungswelle machen. Spätestens seit der Corona-Pandemie hat es die Schule voll erwischt und sie steht absolut im Fokus der Öffentlichkeit. Allerdings möchte ich – v.a. um das Themenfeld nicht zu groß werden zu lassen – hier nicht auf die aktuelle Lage eingehen, sondern auf den sich hoffentlich bald wiedereinstellenden Normalzustand.

Wie so häufig bei neuen Dingen müssen sie erstmal ihren Platz finden und irgendwas muss dafür auch weichen. Und den einen geht es zu schnell und den anderen geht es nicht schnell genug – so ist das auch hier. Mit der Pandemie hat die Geschichte allerdings eine ganz neue Dynamik erreicht und die Vertreter der progressiven Seite haben klar Oberwasser.

Nun läuft man auch Gefahr, als, sagen wir mal Kaiser-Willhelm-Verschnitt dazustehen, wenn man die ein oder andere Maßnahme nicht besonders überzeugend findet. Aus intensiven Gesprächen mit Freunden weiß ich: es kann auch ziemlich kompliziert werden – das Digitale scheint auch etwas Emotionales an sich zu haben. Aber dennoch, wie schon gesagt, ich möchte hier wagen, zumindest einige kritische Fragen zu stellen. Und um bereits im Vorfeld derartige Verdachtsmomente aus dem Weg zu räumen: Ich sehe klar das Potential des digitalunterstützten Unterrichts – es geht nie um das Ob, sondern nur um das Wie.

Bei der Einbettung digitaler Geräte in den Unterricht gibt es eine große Bandbreite. Während es mancherorts noch als modern gilt, seinen Laptop an einen Beamer anzuschließen, gibt es woanders bereits vollausgestattete Klassenräume mit Smartboard und erste Klassen sind komplett mit Tablets versorgt. In Bremen bekommen sogar alle Beteiligten ein IPad – Wow!

Es gäbe hier gar nicht so viel Diskussionsbedarf, wenn dieser Prozess nicht so ressourcenfressend und verdammt teuer wäre. Daher lautet meine einfache Frage: Was genau bringt welche Interaktion? Und zwar vor dem Hintergrund unserer Erwartungen an Schule. Diese sind in den letzten Jahren ja nun auch nicht weniger geworden. Fachliche Bildung, kompetenzorientierte und bitte auf das Individuum abgestimmte Vermittlung, Erziehung von völlig distanz- und respektlosen Kindern (und Eltern), soziale Beratungsstelle etc. Und in diese Gemengelage stößt nun die Digitalisierung.

Wer Geld investiert hat meist klare Vorstellung eines hinterher eintretenden Verbesserungseffekts. Ob das Haus saniert wird und anschließend ein in neuem Glanz erstrahlendes Objekt eine bessere Energieeffizienz aufweist, oder ein Betrieb, der Produktionsstätten baut oder modernisiert und anschließend effizienter arbeitet. Das viele Geld aber, dass in die Digitalisierung fließt, fließt gewissermaßen in eine Blackbox. Es gibt zwar viele Studien, die hier und da positive Effekte auf etwa Lernmotivation nachweisen. Aber eine wirklich Output-orientierte Studie kenne ich nicht (bitte her damit, falls es sie geben sollte).

Etwas provokant formuliert könnte gefragt werden, welche Schülerin oder welcher Schüler nach den riesigen Investitionen besser rechnen oder besser Englisch sprechen kann? Wenn die Ergebnisse sich nun nicht qualitativ auf die Breite auswirken, tun sie es partiell? Für bestimmte Schülergruppen? Wenn also zum Beispiel Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Schichten profitieren und die viel zitiere soziale Schere wieder weiter zusammengebracht werden könnte, dann wäre das ein klares Argument. Aber gibt es diese Studie? (und wie genau ist der Unterricht dann abgelaufen?)

Es gibt in Deutschland mittlerweile viele Tablet-Klassen. Sie kosten die Allgemeinheit insgesamt mehr Geld als herkömmlicher Unterricht. Was können die Abgänger dieser Klassen am Ende der Schulzeit besser? Ich bin ehrlich – ich habe Zweifel, ob es hier tatsächlich klar erkennbare Vorteile gibt, aber ich möchte mich keinesfalls diesem Konzept verschließen. Doch nur wissenschaftliche Erkenntnisse würden meine Zweifel ausräumen.

Meine These ist, dass einfach viel genauer formuliert werden muss, was Schülerinnen und Schüler durch die Digitalisierung lernen sollen. Dass dies notwendig ist, sehe ich tagtäglich. Über den Begriff „Digital Natives“ muss ich jedes Mal wieder schmunzeln. Was diese Natives (übrigens gehört es auch zur Digitalisierung, jedes Wort aus dem Englisch-Amerikanischen wortwörtlich zu übernehmen) aber vor allem können, ist Unterhaltung. Ein Insta-Video nach dem nächsten und 195 Snaps am Tag, doch das Speichern als PDF kann für Pubertierende zum Problem werden. Das Installieren einer PPP-Freeware kann auch für Oberstufenschüler zum unüberwindbaren Hindernis werden.

Also was sind die konkreten Ziele? Was sollen Kinder und Jugendliche genau lernen? Vielleicht bedarf es eines Digital-Curriculums, um Ziele verbindlich fest zu schreiben. Wir sind nicht mehr am Anfang der digitalen Revolution, wir sind mittendrin. Und es wird Zeit, dass wir die Blackbox verlassen.

Über Sinn und Unsinn einer Wehrpflicht

Verfasst im Juli 2020.

Da es gerade eine kleine Debatte zum Thema „Wehrpflicht“ gibt: Et Voilà – das sage ich dazu.

Es ist ein sperriger Begriff, der der Sache bereits zu meiner Zeit nicht mehr gerecht wurde. Die Wehrpflicht, die wir noch vor einigen Jahren hatten, ist nicht vergleichbar mit etwa der israelischen. Dort gibt es keinen Weg dran vorbei, du bist dort als Frau 21 Monate, als Mann 3 Jahre beim Dienst an der Waffe. Und du musst damit rechnen, dass du von der Waffe Gebrauch machen musst.

Wenn ich an meine Zeit denke, war es so: Es hieß zwar Wehrpflicht und ich wurde zur Musterung eingezogen (T2 aufgrund meiner Rotschwäche), aber es war eine reine Formsache, als ich sagte: Nö, ich mach lieber Zivildienst. Und diejenigen, die zur Bundeswehr gingen, waren dann 9 Monate dort und der Ernstfall so weit weg wie nur irgendwas. Meistens, das wurde mir von Kumpels und Bekannten erzählt, war es eine spannende Grundausbildung, sechs Wochen oder so, und dann kam eher Langeweile.

Ich hingegen hatte nicht ansatzweise Langeweile. 38,5 Stunden mit Zeitstempel im Klinikum und ich hatte wirklich das Gefühl, dass ich dort gebraucht wurde. Eine sehr wertvolle Zeit für mich, ich wurde ins kalte Wasser geschmissen. Ich habe als Pfleger Sachen gemacht, von denen ich vorher geglaubt habe, dass ich das nicht machen könnte. Ich bin an der Aufgabe gewachsen.  (Ich wusste dann aber auch: nie im Leben Schichtdienst. Außerdem hat sich mein nunmehr fast 15jähriger Sohn in der Zeit auf den Weg zu uns gemacht, der alles weitere in ganz andere Bahnen lenkte, als ich mir das so vorgestellt habe. Aber das ist eine andere Geschichte…)

Ich hatte nie, wirklich nie die Empfindung, dass es irgendwie ungerecht ist, dass ich das machen muss. Auch nicht, dass nur Männer das machen müssen. Ich war fest überzeugt, dass das grundsätzlich eine gute Sache ist.

Tja. Nun ist das alles freiwillig und es machen immer noch viele irgendeine Art von sozialem oder kulturellem Jahr. Ich kenne die aktuellen Zahlen nicht, aber viele machen auch nichts dergleichen und gehen halt direkt ihren Weg. Und die Wirtschaft schreit: „Wir brauchen dich! Andere Länder kriegen das viel schneller hin. Das geht hier alles viel zu langsam!“

Zusammen mit G8 führte das ja auch dann dazu, dass die Unis voller Erstis waren, die nicht mit in den Club durften und Verträge von ihren Eltern unterschreiben lassen mussten.

Wenn ich an die demographische Entwicklung denke, dann finde ich ein Jahr in dem die jungen und fitten Menschen sich in den Dienst der Allgemeinheit stellen – und damit vornehmlich der immer größer werdenden Schicht von alten und schwachen Menschen, allerdings durchaus gerechtfertigt. Es vergeht doch gerade kaum eine Woche in der nicht der Pflegenotstand angeprangert wird.

Und auch die Bundeswehr würde profitieren, wenn junge Menschen sich für diesen Weg entscheiden. Denn es würde eine gewisse Fluktuation und Kontrolle mit sich bringen, was bei den vielen Berichten über die unsäglichen rechten Umtriebe in der Truppe dringend nötig scheint.

Wie man das Ganze dann nennt und wie es mit der Verpflichtung für Mann und Frau aussieht, ist dann im nächsten Schritt zu diskutieren. Aber mal so grundsätzlich: Ein verpflichtendes Jahr Gesellschaftsdienst – so verkehrt kann das nicht sein.

Vom Menschen, der Natur und dem lieben Geld (zu Corona-Maßnahmen)

Verfasst im Mai 2020.

Die Debatten zu Corona Lockerungen verlaufen derzeit entlang verschiedener Positionen, die sich nach meinen Beobachtungen wie folgt kategorisieren lassen

  • Das Recht auf Leben gilt als oberste Instanz – alles andere muss sich unterordnen
  • Die Würde des Menschen ist unantastbar – Freiheitseinschränkungen sind entwürdigend und müssen daher aufgehoben werden
  • Bill Gates hat das Virus in die Welt gesetzt und die WHO gekauft und wird nun die Weltpopulation zwangsimpfen (was wahnsinnig viel Geld kostet und ihm letztendlich überhaupt nichts bringt, das spielt dabei aber keine weitere Rolle)

Leider nimmt letzterer Punkt samt seinen Verfechtern viel zu viel Raum ein und auch die Schreihälse der ersten beiden Punkte verhindern oftmals eine gewinnbringende Diskussion. Letztens in der ZEIT aber gab es eine sehr ernsthafte Auseinandersetzung mit der Thematik, und zwar von den beiden Denkern Habermas und Günther. Sie kommen zu dem Schluss, dass das Recht auf Leben in jedem Fall durch nichts aufzuwiegen ist, da die Unversehrtheit der Hülle aus Fleisch und Blut Voraussetzung ist, dass es überhaupt so etwas wie Würde geben kann.

Nach dem Lesen des Artikels war ich einerseits angetan ob dieses schlauen Wortwechsels und dessen Gedankenakrobatik und doch war ich letztendlich unzufrieden, da eine wichtige Frage völlig unangetastet blieb:

Ist es die erste Aufgabe des Menschen, den Tod seinesgleichen in jedem Falle zu verhindern? Oder anders gefragt: Wie weit gehen wir, um Mitmenschen vor dem Tod zu bewahren?

Hier gibt es krass unterschiedliche Beispiele, etwa wenn wir zurückdenken an die Frau im Mittelmeer, die, wenn ich mich recht erinnere, von einem Kreuzfahrtschiff gefallen ist. Sie wurde mit stundenlangem Helikoptereinsatz aus dem Meer gefischt und die Menschen in Europa feierten diesen Akt. Gleichzeitig starben aber viele Menschen bei dem Versuch, vom afrikanischen Kontinent Europa zu erreichen – ihnen wurde nicht geholfen. Da gibt es offensichtlich unterschiedliche Auffassungen, wer gerettet werden muss und wer nicht. Oder der Junge, der in dem illegal gebohrten Brunnenschacht starb – eine immense Aktion, bis zum Schluss die traurige Wahrheit gewiss wurde.

Während und nach solchen Rettungsaktionen tritt – zumindest am Rande – immer auch die Frage nach den Kosten auf. Wenig überraschend sind es horrende Summen, die dort genannt werden. Hier gibt es jedoch so gut wie keine Stimme, die die Sinnhaftigkeit einer solchen Rettungstat in Frage stellen würde. Immerhin geht es um ein Menschenleben. Dies suggeriert, dass, wenn es um Menschenleben geht, Geld keine Rolle spiele. Doch an dieser Stelle möchte ich hier (einem Teil) der Menschheit eine riesige Scheinheiligkeit ausstellen. Zumindest in unserer Gesellschaft bedeutet Geld fast alles. Liebe. Leben. Freiheit. Nur Garantien kann es nicht geben.

„Wer nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt.“ So steht es auf dem Ring der von Schindler vor dem sicheren Tode bewahrten Juden, welchen sie ihm zum Dank schenken. Schindler aber denkt daran, wieviel er noch hätte retten können, wenn er sich etwa von seinem teuren Auto getrennt hätte. So nah ist es selten – Geld ist Leben. Nun ist dies ein Beispiel fern des Alltags, aber auch wir sind viel häufiger als wir meinen mit solchen Entscheidungen verbunden. Jeder Flug in den Urlaub trägt dazu bei, dass Lebewesen – Tiere wie Menschen – ihren Lebensraum verlieren. Wie viele Leute verteidigen strikte Corona Auflagen und argumentieren von einer höchst moralischen Position und essen dennoch Fleisch aus konventioneller Produktion, obwohl hinlänglich bekannt ist, dass infolge nicht nur Tiere sterben. Und obwohl wir wissen, dass Bolsonaro dafür noch mehr Regenwald abholzt, essen wir Palmölprodukte und Avocados.

Und jetzt, da die Bedrohung in unser Aufmerksamkeitsfeld dringt und wir mit unserer Vergänglichkeit konfrontiert werden, kommen wir mit Moral und Ethik. Das ist scheinheilig (Personen, die sämtliche der aufgeführten Punkte von sich weisen können, brauchen sich dann auch nicht angesprochen fühlen).

Wir sind weit gekommen. Wer Lebensläufe aus vergangenen Jahrhunderten liest, den schaudert es. Franz Schubert (1797-1828) hatte 15 Geschwister, aber nur vier erreichten das Erwachsenenalter. Die anderen erlebten noch nicht mal den ersten Geburtstag. Schubert selbst wurde auch nur 31 (unglaublich, wenn ich daran denke, dass ich nun bereits ein paar Jahre nicht mehr unter den Lebenden weilte, aber ein solches Werk hinterlassen hätte).

Der technisch-medizinische Fortschritt ist ein Segen und mit ihm einher geht die Frage, wie weit die Menschen gehen können, gehen dürfen. Medizinisch wird beim Tod eines Menschen zwischen natürlichem (Krankheit, Alter) und unnatürlichem Tod unterschieden (Unfall, Tötungsdelikt). Aber: Tot ist tot. Emotional ist es jedoch nicht das gleiche, denn während wir einen Verkehrsunfall, bei dem eine ganze Familie stirbt, als schrecklich bezeichnen, hinterlässt der Verlust eines nahestehenden Menschen, der auf ein langes Leben zurückblicken konnte, Trauer, Andacht und Stille. Doch akzeptieren wir die Natur – manchmal wird gar von einem schönen Tod gesprochen.

Der wichtigste Punkt ist, so denke ich, dass wir nicht darüber zu entscheiden haben, wann der Moment eintritt, wo das Leben aus dem Körper schwindet. Wir tun unser Möglichstes, diesen Moment bei unseren Mitmenschen zu verzögern (in erheblich unterschiedlicher Ausprägung). Dabei kommt es jedoch gezwungenermaßen zu Konflikten, die schwer – vielleicht auch gar nicht – zu lösen sind. Die aktive Sterbehilfe, das Recht auf Selbstbestimmung ist hier ein klassischer Fall.

Und auch die Covid-19-Pandemie ist ein solcher Fall. Denn aufgrund des ewigen Gesetzes von Actio und Reactio kommt es bei den getroffenen Maßnahmen zu dem Konflikt, dass zwar kurzfristig Leben gerettet werden, langfristig gesehen aber durch den Einbruch der Wirtschaftsleistung und den folglich fehlenden Geldern in Privat- und Sozialkassen es ebenfalls zu Toten kommt. Wie man es dreht und wendet – aus dem Abwägen kommen wir nicht heraus. Wenn die Reactio gar zu politischer Instabilität führt, wird das Risiko, dass das „Leben-Tod-Saldo“ ins Minus geht, immer höher.

Meines Erachtens sind die Lockerungen auf Sicht daher auch der richtige Weg. Dass sich deswegen Menschen anstecken und sterben wird dabei nicht „einfach so“ hingenommen. Ich verstehe es als ein Akzeptieren, dass wir zwar in die Natur eingreifen, sie aber nicht aufhalten können. Die vielzitierte Krankenhauskapazität, dass ist definitiv die rote Linie, aber da sind wir glücklicherweise weit von entfernt. Unterhalb dieser Linie sollte so viel Kultur, Bildung und Soziales möglich sein, wie diese es zulässt.

Kritik am #keinenmillimeternachrechts

Verfasst im Februar 2020 und erster veröffentlicher Text.

„Keinen Millimeter nach rechts“ – dieser Spruch prangt auf vielen Profilfotos und auch sonst begegnet er einem im Alltag häufig. Ich meine aber, dass dieser Spruch ziemlich unüberlegt verwendet wird, denn ist er nicht recht naiv und zeugt zudem auch von einer gewissen Intoleranz?

 „Keine Toleranz der Intoleranz“ – schreit jetzt so mancher, aber auch hier frage ich mich, wer sagt denn eigentlich was Intoleranz ist? Wo fängt die an? Wo hört Toleranz auf? Das jetzt auszuführen würde wohl den Rahmen sprengen, aber ich bin mir relativ sicher, dass man am Ende darauf kommt, dass man das nicht pauschalisieren kann. Es muss von Fall zu Fall betrachtet werden.

Klar, rechts sind die Bösen. Und links? Da stehen die Guten, die für Vielfalt und eine gerechte Welt stehen. Umso schwerer wiegt dann auch der Vorwurf, dass ausgerechnet von hier aus Intoleranz ausgehen könnte, wie oben gemutmaßt.

Es ist viel von einer Spaltung der Gesellschaft zu lesen in letzter Zeit. Der Spalt verläuft im Groben zwischen diesen beiden Lagern. Die einen schreien „Linksgrün versifftes Pack!“, die anderen „Wutbürger!“ und „geh nach Hause, Troll“. In nahezu keiner Diskussion wird zueinander gefunden, fast immer mündet es in emotionalen Tiraden und Versuchen, den anderen platt zu machen.

Zurück zu dem eingangs erwähnten Spruch. Ich bin mit einem politischen Mantra aufgewachsen, dass da hieß: „Rechts neben der CDU darf es keine demokratisch legitimierte Partei geben!“. Ich fand das so auch immer überzeugend. Alles was rechts daneben war (DVU, NPD, Republikaner etc.), war untragbar. Doch mit Angela Merkel hat sich die CDU verändert (so wie sich zuvor die SPD unter Schröder verändert hat) und spätestens mit der Flüchtlingskrise 2015, als vom gesamten linken Flügel deutscher Parlamente große Zustimmung kam, ist deutlich geworden, dass die CDU deutlich in die Mitte – also nach links – gerutscht ist.

Es ist aber nicht die gesamte Bevölkerung nach links gerutscht.

Viele haben in Folge nach einer rechten „Alternative“ gesucht und sind fündig geworden – das Ergebnis dürfen wir nun Tag für Tag bestaunen und das alte Mantra klingt noch nach, mahnend, als würde es sagen: Hab ich’s nicht gesagt?!

Ich habe das Gefühl, dass doch einige vergessen haben, dass es eine demokratische Rechte gibt. Die kann man doof und spießig finden, aber immerhin stehen sie zu unserem Grundgesetz. Vor diesem Hintergrund kann man – denke ich – einem möglichen „Rechtsruck“ in der CDU relativ gelassen entgegengehen, ohne Aufschrei. In meinen Augen würde sie dann da hin gehen, wo sie vorher immer war (man denke doch einfach mal, was wohl F.J. Strauß zu Merkel gesagt hätte).

Da bin ich wieder bei #keinenmilimeternachrechts . Politischer Wandel ist fester Bestandteil von Demokratien. Wer die Zügel zu feste zieht, der schnürt ihr die Luft ab.

Es ist darüber hinaus nicht besonders glaubwürdig, wenn Toleranz gepredigt wird, doch wenn es in die falsche Richtung geht, sofort der Zeigefinger erhoben wird. Immer sicher, dass man Recht hat, weil doch die Moral auf seiner Seite ist. Das erinnert mich dann an den Hauptmann bei Woyzeck:

Moral: das ist, wenn man moralisch ist! Versteht Er? Es ist ein gutes Wort.
(mit Pathos)

Denn das schlimme an der Geschichte ist, dass bei diesem Kampf der eigentliche Gegner – der rechte Rand – nur stärker wird.

Eine Liebeserklärung – an Föderalismus und Gewaltenteilung

Verfasst im August 2020

So manch einer wundert und ärgert sich gerade: Die Anti-Corona-Regelungen gleichen bundesweit einem Flickenteppich – die Ministerpräsidenten konnten sich nur auf einen Mindestkompromiss einigen – und nun dürfen auch noch die durchgeknallten Gegner dieser Regelungen in Berlin demonstrieren. Ein bisschen mehr Stringenz, ein bisschen mehr Bündelung von Kompetenzen ein bisschen…

Aber dies ist sehr gefährlicher Pfad – in diese Richtung dachte damals auch ein junger, enttäuschter Aquarellmaler aus Wien.

Es hat sehr, sehr triftige Gründe, warum die Länder mit so klar umrissenen Befugnissen ausgestattet sind. Die Lehre aus der Vergangenheit besagt sehr deutlich: Je mehr Macht bei einer Person, desto größer die Gefahr auf Amtsmissbrauch, desto größer das Risiko, dass letztendlich die Allgemeinheit leidet. Deutschland war schon immer geprägt durch viele recht eigenständige Länder, nur während Hitlers Gleichschaltung war von ihnen nichts zu hören.

In unruhigen Zeiten wie wir sie gerade durchleben sehnen sich nicht wenige nach starker Führung, Orientierungslosigkeit treibt wilde Blüten. Die föderalistische Struktur aber gehört zur DNA unserer Nation und damit auch die vielfältigen Konsequenzen, die dieses System mit sich bringt. Und diese Struktur hat nicht nur den Vorteil, dass eine Person nicht zu viel Macht an sich reißen kann, sondern auch jenen, dass von den Erfahrungen der unterschiedlichen Wege, welchen die verschiedenen Länder in diversen Bereichen gehen, insgesamt doch alle profitieren. Man lernt aus den Fehlern und Stärken des anderen.

Insofern beteilige ich mich ausdrücklich nicht an Forderungen, die in dieser Sache mehr Politik „aus einem Guss“ oder „aus einer Hand“ sehen möchten. Angesichts des historischen Grundes der föderalistischen Struktur nehme ich doch gerne in Kauf, dass man in Bayern 250 Euro zahlen muss, wenn man ohne Maske unterwegs ist und in Sachsen-Anhalt gar nichts. In diesem Fall bevorzuge ich den Flickenteppich.

Genauso verhält es sich mit der Gewaltenteilung, jener segensreichen Frucht der Aufklärung, als immer mehr Menschen merkten, dass die Monarchie nur für einen erlauchten Teil der Gesellschaft ein vorteilhaftes System ist. Und so war ich heilfroh, als das Berliner Verwaltungsgericht das verordnete Demo-Verbot am Freitag für ungültig erklärte.

Denn ich bin überzeugt: Der Schaden für die Gesellschaft wäre um ein Vielfaches höher, wenn das so wichtige Demonstrationsrecht bereits im Vorfeld nicht gestattet worden wäre. Wasser auf die Mühlen aller, die von Merkelscher Meinungsdiktatur sprechen. Auch wenn sich der ein oder andere dort mit dem Corona-Virus infiziert (unter freiem Himmel bisher überschaubar), der Verlust des Vertrauens in demokratische Grundpfeiler wögen deutlich schwerer.

Wenn schließlich die Polizei dem Treiben ein Ende setzt, weil sich nicht an geltendes Recht gehalten wird, dann ist das wiederum eine andere Sache. Aber bereits im Vorfeld eine Demonstration zu verbieten ist ein sehr schwerwiegender Eingriff, den offensichtlich viele Menschen unterschätzen.

Wir konnten jedoch wieder einmal Zeuge davon werden, dass das System funktioniert. Unabhängige Gerichte tragen dafür Sorge, dass Gesetze keinen Meinungstrends unterliegen.

In diesem Sinne: Auf den Föderalismus! Auf die Gewaltenteilung!

Der Schmetterlingsflieder und die Politik

Verfasst im Mai 2021, überarbeitet im Dezember 2024

Schön sieht er doch aus, der Sommerflieder (Buddleja davidii), wenn er im Juli oder August seine Pracht entfaltet und insbesondere viele Schmetterlinge mit Duft und Nektar anlockt. Kann man sich gar nicht vorstellen, dass so etwas Schönes Anlass für heftige Auseinandersetzungen sein kann.  Unbemerkt von der großen Mehrheit gibt es solche jedoch unter Gartenfreunden und im Mittelpunkt der Streitigkeiten steht nicht selten unser schöner Schmetterlingsflieder – ganz egal ob lila oder weiß.

Was ist das Problem? Der Sommerflieder ist ein sogenannter Neophyt und verdrängt heimische Pflanzen – er ist also korrekterweise sogar ein invasiver Neophyt. Wie so viele Pflanzen wurde er als Zierpflanze irgendwann aus Fernasien nach Europa gebracht und breitet sich nun teils rasch aus.

Bei nichtheimischen Pflanzen wird schließlich auch darauf geschaut, inwiefern sie für die heimische Insektenwelt von Bedeutung ist, denn wenn sie von vielen kleinen Tierchen angeflogen wird, dann mildert dies den ökologischen Schaden zumindest ab.

Blühender Garten im Juli – ohne Sommerflieder. Dafür mit roter Spornblume (Vordergrund) – ebfalls ein Neophyt, jedoch unproblematisch.

Genau hier wird es aber teils wild, was wohl auf einen belgischen Naturschützer zurückzuführen ist, der vor einigen Jahrzehnten herausgefunden haben will, dass Schmetterlinge ihn zwar anfliegen, aber völlig betört durch dessen Inhalte die Fortpflanzung vergessen. Dies ist in der Fachwelt offenbar überhaupt nicht belegt, aber die Mythen ranken sich weiterhin um diesen Strauch. Außerdem stellt der Flieder keine Futterpflanze für die Raupen dar.

Nun gibt es – man kann es sich vorstellen – jene, die diesen Strauch verdammen und in ihrem Garten mit Stumpf und Stiel herausreißen. Dabei endet es aber nicht, sondern es werden eigentlich auch alle Mitgärtner verdammt, die es nicht tun.

Auch wir hatten lange Schmetterlingsflieder in unserem Garten – der war da auch noch länger, obwohl ich bereits klar unter die Naturgartenfreunde gegangen bin. Es ist relativ leicht das Aussamen zu unterbinden, wenn die Blütenstände nach der Blüte zurückgeschnitten werden. Das mit dem „Rausch“ der Schmetterlinge kann wohl getrost vergessen werden und wenn unter dem Flieder Brennnesseln stehen, ist auch genug Futter für Raupen da. Aber wenn es irgendwie geht, dann nicht diesen Strauch wählen. Es gibt tausende, die ebenfalls schön und dazu noch ökologisch wertvoll sind!

Tja. Da gibt es aber auch noch die andere Seite – irgendwie sowas wie die „Wir-befreien-alle-Affen-aus-dem-Zoo-Fraktion“ oder so ähnlich. Da muss ich bei den Schottergärten anfangen. Ich muss da vorweg sagen, dass es mich regelmäßig gruselt, welch morbide Kreativität da teils an den Tag gelegt wird, den eigenen Garten derart tot zu gestalten. Ich befürworte auch das Schottergartenverbot (Eigentum verpflichtet) – aber das ist eine andere Diskussion.

Es gibt einen Herrn – Ulf Soltau – der die gruselige Faszination dieser Gestaltung in einem Buch dokumentiert hat. Auf einer Facebookseite werden Beispiele aus der gesamten Republik zugesendet und dann mit humorvollem Text veröffentlicht. Dieser Seite folgte auch ich und vor einiger Zeit kam dann ein Text, in dem sich die Seite von gewissen „Naturgarten-Fundies“ distanzierte. Die Stellungnahme las sich jedoch – keine Pflanze ist illegal! – wie ein Bullshit-Bingo. Kein Rassismus im Garten! Die Pflanzen sind nun mal hier und jetzt dürfen sie auch leben! Dann das Wort Neophyt – das sei nämlich während des Nationalsozialismus entstanden (haben eigene Recherchen nicht ergeben). Es ist einfach Blödsinn:  Es gibt ähnliche Bezeichnungen auch in allen möglichen Sprachen. Zum Schluss noch der „Keinen-Millimeter-Hashtag“. Bei soviel Moralapostelei könnte man sich auch mal fragen, ob es in Ordnung ist, Vorgärten zur öffentlichen Belustigung zur Schau zu stellen. Man soll den Arsch nicht höher hängen, als man scheißen kann, würde Stromberg sagen. Nun, ich habe auch genug Schottergärten gesehen.

Auch wir haben einige nicht-einheimische Gewächse bei uns im Garten. Aus vergangener Unwissenheit. Das Problem mit diesen Pflanzen ist ja vor allem, dass die heimische Insektenwelt an heimische Pflanzen angepasst ist. Es gibt Generalisten (Honigbiene etwa), die sich über nahezu jede Nektarspendende Blüte freut. Aber die meisten Wildbienen – und das ist die große Anzahl – sind Spezialisten. Die haben nix von der Magnolie oder eben dem Sommerflieder. Der Weißdorn dagegen ernährt über 30 Vögel und unzählige Insekten. Ein Kirschlorbeer (Vorderasien) ist im Vergleich dazu schon fast steril.

Daher ist es mir immer wieder eine große Freude, die Vielfalt der heimischen Pflanzen zu entdecken. Und setzt man sie im Garten ein, kann zusätzlich noch die wunderbare Vielfalt an Insekten beobachtet werden.