Die ganze Welt wundert sich über die merkwürdigen, konfusen und selbstverliebten Auftritte des US-Präsidenten. Wenn er vom großen Eisblock fabuliert und sich in jedem dritten Satz selbst lobt. Wenn er zwischen Tür und Angel seine Weltsicht zum Besten gibt und das weiße Haus ab und zu eine KI-Perle ausspuckt. Und natürlich dienen diese Auftritte der ganzen Welt als Vorlage für teils großartige Comedy. Trumps Lieblingswörter sind „great“ oder „beautiful“ – natürlich auch „money“ und immer wieder „I, I, I“.
Make America Great Again! Trump fühlt sich – zumindest aus einer bestimmten Perspektive – seinem Land und den Menschen (d.h. seinen Anhängern) verpflichtet. Wenn man die MAGA-Bewegung beim Wort nimmt, dann waren die USA mal großartig, haben diesen Status aber über die letzten Jahre oder gar Jahrzehnte verloren und diesen Status soll sich die Nation jetzt wieder erarbeiten. Sie folgen damit dem typischen Duktus rechter Bewegungen, die Vergangenheit zum Sehnsuchtsort zu verklären.
Dass bestimmte Dinge früher irgendwie besser waren als heute, kennt jeder von uns und kann Beispiele nennen. Wir erinnern uns einfach gerne an schöne Dinge und nicht so schöne Bereiche unserer Vergangenheit werden leichter ausgeblendet. Daraus entsteht Nostalgie, die „Sehnsucht nach dem Vergangenem, dem als besser vorgestellten Früher“[1]. Donald Trump spürt diese Nostalgie genau wie seine Mitmenschen und fühlt sich auserkoren, das Land wieder „back to the good ol‘ days“ zu führen.
Geschichte wiederholt sich – das ist in letzter Zeit ein viel gebrauchter Spruch im Zusammenhang mit den Verwerfungen der letzten Jahre und Monate in der Welt. Als Vergleich wird etwa das Jahr 1913, die späten 1920er Jahre oder die Rolle von NSDAP und AFD herangezogen. Aber damit muss man auch vorsichtig sein, manche gehen m.E. zu weit, wie etwa letztes Jahr die Überschrift eines SPIEGEL-Interviews mit dem US-Historiker Timothy Snyder mit „wir leben im Jahr 1938“[2].
Ja, man kann viele Parallelen erkennen: die Aggressivität in Worten und Handlungen verschiedener Regierungen, das Streben nach territorialer Ausdehnung, die ICE-Schergen in den USA, die an die SA oder Gestapo erinnern. Viele weitere Beispiele könnten hier noch aufgeführt werden, aber doch gibt es bei jedem Beispiel teils große Unterschiede. Die politischen Bündnisse sind andere, der technologische Fortschritt und die engen Verflechtungen machen einen direkten Vergleich meist schwer. Aber wiederkehrende Muster und Strukturen sind sehr deutlich zu erkennen. Weil jeder Fall jedoch einzeln betrachtet werden muss, würde ich eher mit Mark Twain gehen, der es so formulierte:
Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich oft.
Was sich reimt, ist, dass hinter territorialer Ausdehnung und Krieg eigentlich grundsätzlich ein narzisstischer Mann steht. Das eigene Ego als Antriebsfeder, das Wohl des Volkes und der Nation der vorgeschobene Grund für feindselige Handlungen im Inneren wie nach außen. Die Geschichte lehrt, dass am Ende einer solchen Episode nur allzu häufig das Gegenteil für die Bevölkerung eintrifft. „Einen Platz an der Sonne“ versprachen der deutsche Kaiser Wilhelm II. und sein Kanzler von Bülow dem deutschen Volk. Nachdem die Vorgänger, der Großvater Wilhelm I.[3] mit dem Kanzler Otto von Bismarck, das neu gegründete Deutsche Reich durch bedachte Bündnispolitik und Verzicht auf koloniale Territorien recht geschickt regiert hatten, setzen Wilhelm II. und von Bülow auf Ausbau der Flotte und Machtanspruch in Überseegebieten. Dabei vernachlässigten sie Bündnisse (Die Briten machten dem Deutschen Reich 1901 ein Bündnisangebot, was jedoch ausgeschlagen wurde) und standen am Ende isoliert da – von Frankreich, England und Russland (Triple Entente) „eingekreist“. Der „Platz an der Sonne“ entpuppte sich als Alptraum: Hunger und Tod für Millionen Menschen und Gebietsverluste für das Reich. Und, aus heutiger Perspektive, wofür? Den Menschen ging es gut, das Deutsche Reich war die zweitgrößte Handelsmacht der Welt hinter dem Vereinigten Königreich. Es waren Gier und Größenwahn. Die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler potenzierten diese Struktur und noch mehr Größenwahn führte zu noch mehr Leid, noch mehr Tod und noch größeren Gebietsverlusten.
Zurück zu Donald Trump und den USA. Die Vereinigten Staaten sind die größte Militärmacht der Welt, die größte Handelsmacht und den allermeisten Menschen geht es sehr gut. Aber die Nation steht unter dem Druck des schnell wachsenden China und damit einhergehend auch größerer Machtansprüche von der anderen Seite des Pazifiks. Die Ziele der MAGA-Bewegung sind teils recht diffus – innenpolitisch sind es überwiegend reaktionäre Ziele, aber ein großer Pfeiler von MAGA bildet die wirtschaftliche Stärke. Trump selbst erläuterte die Bedeutung des Slogans:
«(…)to me, it meant jobs. It meant industry, and meant military strength. It meant taking care of our veterans. It meant so much.“[4]
In Bezug auf die Wirtschaftskraft kann man das „great again“ anhand von Zahlen nur teilweise nachvollziehen: 1970 machte die Wirtschaftskraft der Vereinigten Staaten fast ein Drittel der weltweiten BIPs aus und keine andere Nation kam auch nur in die Nähe dieser Dimension[5]. Mit dem Aufstieg Chinas ist diese Dominanz nicht mehr zu halten, doch noch immer sind die USA unangefochten die größte Wirtschaftsmacht. Das BIP ist in den letzten 10 Jahren von 18,7 Billionen US-Dollar auf fast 30 Billionen gewachsen[6]. Die EU haben die USA dabei weit hinter sich gelassen. Diesen Zahlen zufolge sind die USA also mit der liberalen Handelspolitik der letzten Jahre ziemlich gut gefahren – unwahrscheinlich, dass mit der Trump-Politik die Zahlen noch besser werden.
Militärisch gesehen ist es ein ähnliches Bild. Zwar ist die chinesische Armee zahlenmäßig der amerikanischen überlegen, das Budget des amerikanischen Militärs übersteigt das chinesische jedoch um das Dreifache[7]. Nimmt man noch die Nato-Partner dazu, kommt eine Streitmacht zusammen, die absolut dominant ist. In Bezug auf „military strength“ ist es demnach auch unwahrscheinlich, dass die USA diese Stellung noch deutlich ausbauen könnten.
Sind es Abstiegsängste? Die Zeit jeder Supermacht ist irgendwann gekommen und es steigen andere auf. Sind es nun die notwendigen Schritte, um diese Machtstellung zu erhalten?
Mit Blick auf die deutsche Geschichte erinnert Trump eher ein wenig an Wilhelm II. – Expansionspläne, Nachbarn und Bündnispartner verprellen, aggressiv eigene Interessen vertreten. Am Ende auch die Isolation?
Wir werden es sehen. Deutschland ist auf jeden Fall gut beraten mit den europäischen Verbündeten neue Märkte zu erschließen und die eigene Verteidigungsfähigkeit auszubauen. Am allerwichtigsten ist jedoch die innere Stabilität – die AfD darf keine Alternative für die Menschen sein. Denn militärische und wirtschaftliche Stärke sind zwar zwingend erforderlich, um eigene Interessen zu vertreten und um nicht zum Spielball anderer zu werden. Wenn sie aber in die Hände eines Wilhelm II. fallen, kann diese Stärke auch entsetzliches Leid entfesseln. Diesen Reim kennt die Geschichte leider sehr gut.
[1] Dr. Tobias Becker (FU Berlin) https://www.ardalpha.de/wissen/geschichte/kulturgeschichte/nostalgie-nostalgisch-definition-bedeutung-beispiele-positiv-negativ-emotion-frueher-116.html
[2] https://www.spiegel.de/geschichte/yale-historiker-timothy-snyder-wir-leben-im-jahr-1938-a-2ad7b9f3-3d3d-43e8-a8e5-414658b49efe?_gl=1*7yha0s*spon_gcl_au*MzAxMDI2Njk5LjE3NjkyNjA4Nzk. (Im Kontext spricht er vom „langen“ Jahr 1938 und meint damit die Zeitspanne vom Anfang des russischen Überfalls auf die Ukraine 2022 bis Veröffentlichung im März 2025.“)
[3] Wilhelm I. ist richtigerweise der Vorvorgänger, da aber Wilhelms Sohn Friedrich III. gerade einmal 99 Tage im Amt war – im „Drei-Kaiser-Jahr“ 1888 – ist seine Rolle hier unbedeutend.
[4] https://www.news.com.au/world/north-america/the-littleknown-history-of-make-america-great-again/news-story/fb8a09b40aa59defd39ef0bcdeaeb281
[5] https://www.visualcapitalist.com/cp/the-worlds-largest-economies-1970-2020/
[6] https://data.worldbank.org/?locations=US-EU-CN
[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Streitkr%C3%A4fte