Verfasst im Mai 2020.
Die Debatten zu Corona Lockerungen verlaufen derzeit entlang verschiedener Positionen, die sich nach meinen Beobachtungen wie folgt kategorisieren lassen
- Das Recht auf Leben gilt als oberste Instanz – alles andere muss sich unterordnen
- Die Würde des Menschen ist unantastbar – Freiheitseinschränkungen sind entwürdigend und müssen daher aufgehoben werden
- Bill Gates hat das Virus in die Welt gesetzt und die WHO gekauft und wird nun die Weltpopulation zwangsimpfen (was wahnsinnig viel Geld kostet und ihm letztendlich überhaupt nichts bringt, das spielt dabei aber keine weitere Rolle)
Leider nimmt letzterer Punkt samt seinen Verfechtern viel zu viel Raum ein und auch die Schreihälse der ersten beiden Punkte verhindern oftmals eine gewinnbringende Diskussion. Letztens in der ZEIT aber gab es eine sehr ernsthafte Auseinandersetzung mit der Thematik, und zwar von den beiden Denkern Habermas und Günther. Sie kommen zu dem Schluss, dass das Recht auf Leben in jedem Fall durch nichts aufzuwiegen ist, da die Unversehrtheit der Hülle aus Fleisch und Blut Voraussetzung ist, dass es überhaupt so etwas wie Würde geben kann.
Nach dem Lesen des Artikels war ich einerseits angetan ob dieses schlauen Wortwechsels und dessen Gedankenakrobatik und doch war ich letztendlich unzufrieden, da eine wichtige Frage völlig unangetastet blieb:
Ist es die erste Aufgabe des Menschen, den Tod seinesgleichen in jedem Falle zu verhindern? Oder anders gefragt: Wie weit gehen wir, um Mitmenschen vor dem Tod zu bewahren?
Hier gibt es krass unterschiedliche Beispiele, etwa wenn wir zurückdenken an die Frau im Mittelmeer, die, wenn ich mich recht erinnere, von einem Kreuzfahrtschiff gefallen ist. Sie wurde mit stundenlangem Helikoptereinsatz aus dem Meer gefischt und die Menschen in Europa feierten diesen Akt. Gleichzeitig starben aber viele Menschen bei dem Versuch, vom afrikanischen Kontinent Europa zu erreichen – ihnen wurde nicht geholfen. Da gibt es offensichtlich unterschiedliche Auffassungen, wer gerettet werden muss und wer nicht. Oder der Junge, der in dem illegal gebohrten Brunnenschacht starb – eine immense Aktion, bis zum Schluss die traurige Wahrheit gewiss wurde.
Während und nach solchen Rettungsaktionen tritt – zumindest am Rande – immer auch die Frage nach den Kosten auf. Wenig überraschend sind es horrende Summen, die dort genannt werden. Hier gibt es jedoch so gut wie keine Stimme, die die Sinnhaftigkeit einer solchen Rettungstat in Frage stellen würde. Immerhin geht es um ein Menschenleben. Dies suggeriert, dass, wenn es um Menschenleben geht, Geld keine Rolle spiele. Doch an dieser Stelle möchte ich hier (einem Teil) der Menschheit eine riesige Scheinheiligkeit ausstellen. Zumindest in unserer Gesellschaft bedeutet Geld fast alles. Liebe. Leben. Freiheit. Nur Garantien kann es nicht geben.
„Wer nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt.“ So steht es auf dem Ring der von Schindler vor dem sicheren Tode bewahrten Juden, welchen sie ihm zum Dank schenken. Schindler aber denkt daran, wieviel er noch hätte retten können, wenn er sich etwa von seinem teuren Auto getrennt hätte. So nah ist es selten – Geld ist Leben. Nun ist dies ein Beispiel fern des Alltags, aber auch wir sind viel häufiger als wir meinen mit solchen Entscheidungen verbunden. Jeder Flug in den Urlaub trägt dazu bei, dass Lebewesen – Tiere wie Menschen – ihren Lebensraum verlieren. Wie viele Leute verteidigen strikte Corona Auflagen und argumentieren von einer höchst moralischen Position und essen dennoch Fleisch aus konventioneller Produktion, obwohl hinlänglich bekannt ist, dass infolge nicht nur Tiere sterben. Und obwohl wir wissen, dass Bolsonaro dafür noch mehr Regenwald abholzt, essen wir Palmölprodukte und Avocados.
Und jetzt, da die Bedrohung in unser Aufmerksamkeitsfeld dringt und wir mit unserer Vergänglichkeit konfrontiert werden, kommen wir mit Moral und Ethik. Das ist scheinheilig (Personen, die sämtliche der aufgeführten Punkte von sich weisen können, brauchen sich dann auch nicht angesprochen fühlen).
Wir sind weit gekommen. Wer Lebensläufe aus vergangenen Jahrhunderten liest, den schaudert es. Franz Schubert (1797-1828) hatte 15 Geschwister, aber nur vier erreichten das Erwachsenenalter. Die anderen erlebten noch nicht mal den ersten Geburtstag. Schubert selbst wurde auch nur 31 (unglaublich, wenn ich daran denke, dass ich nun bereits ein paar Jahre nicht mehr unter den Lebenden weilte, aber ein solches Werk hinterlassen hätte).
Der technisch-medizinische Fortschritt ist ein Segen und mit ihm einher geht die Frage, wie weit die Menschen gehen können, gehen dürfen. Medizinisch wird beim Tod eines Menschen zwischen natürlichem (Krankheit, Alter) und unnatürlichem Tod unterschieden (Unfall, Tötungsdelikt). Aber: Tot ist tot. Emotional ist es jedoch nicht das gleiche, denn während wir einen Verkehrsunfall, bei dem eine ganze Familie stirbt, als schrecklich bezeichnen, hinterlässt der Verlust eines nahestehenden Menschen, der auf ein langes Leben zurückblicken konnte, Trauer, Andacht und Stille. Doch akzeptieren wir die Natur – manchmal wird gar von einem schönen Tod gesprochen.
Der wichtigste Punkt ist, so denke ich, dass wir nicht darüber zu entscheiden haben, wann der Moment eintritt, wo das Leben aus dem Körper schwindet. Wir tun unser Möglichstes, diesen Moment bei unseren Mitmenschen zu verzögern (in erheblich unterschiedlicher Ausprägung). Dabei kommt es jedoch gezwungenermaßen zu Konflikten, die schwer – vielleicht auch gar nicht – zu lösen sind. Die aktive Sterbehilfe, das Recht auf Selbstbestimmung ist hier ein klassischer Fall.
Und auch die Covid-19-Pandemie ist ein solcher Fall. Denn aufgrund des ewigen Gesetzes von Actio und Reactio kommt es bei den getroffenen Maßnahmen zu dem Konflikt, dass zwar kurzfristig Leben gerettet werden, langfristig gesehen aber durch den Einbruch der Wirtschaftsleistung und den folglich fehlenden Geldern in Privat- und Sozialkassen es ebenfalls zu Toten kommt. Wie man es dreht und wendet – aus dem Abwägen kommen wir nicht heraus. Wenn die Reactio gar zu politischer Instabilität führt, wird das Risiko, dass das „Leben-Tod-Saldo“ ins Minus geht, immer höher.
Meines Erachtens sind die Lockerungen auf Sicht daher auch der richtige Weg. Dass sich deswegen Menschen anstecken und sterben wird dabei nicht „einfach so“ hingenommen. Ich verstehe es als ein Akzeptieren, dass wir zwar in die Natur eingreifen, sie aber nicht aufhalten können. Die vielzitierte Krankenhauskapazität, dass ist definitiv die rote Linie, aber da sind wir glücklicherweise weit von entfernt. Unterhalb dieser Linie sollte so viel Kultur, Bildung und Soziales möglich sein, wie diese es zulässt.