Über Sinn und Unsinn einer Wehrpflicht

Verfasst im Juli 2020.

Da es gerade eine kleine Debatte zum Thema „Wehrpflicht“ gibt: Et Voilà – das sage ich dazu.

Es ist ein sperriger Begriff, der der Sache bereits zu meiner Zeit nicht mehr gerecht wurde. Die Wehrpflicht, die wir noch vor einigen Jahren hatten, ist nicht vergleichbar mit etwa der israelischen. Dort gibt es keinen Weg dran vorbei, du bist dort als Frau 21 Monate, als Mann 3 Jahre beim Dienst an der Waffe. Und du musst damit rechnen, dass du von der Waffe Gebrauch machen musst.

Wenn ich an meine Zeit denke, war es so: Es hieß zwar Wehrpflicht und ich wurde zur Musterung eingezogen (T2 aufgrund meiner Rotschwäche), aber es war eine reine Formsache, als ich sagte: Nö, ich mach lieber Zivildienst. Und diejenigen, die zur Bundeswehr gingen, waren dann 9 Monate dort und der Ernstfall so weit weg wie nur irgendwas. Meistens, das wurde mir von Kumpels und Bekannten erzählt, war es eine spannende Grundausbildung, sechs Wochen oder so, und dann kam eher Langeweile.

Ich hingegen hatte nicht ansatzweise Langeweile. 38,5 Stunden mit Zeitstempel im Klinikum und ich hatte wirklich das Gefühl, dass ich dort gebraucht wurde. Eine sehr wertvolle Zeit für mich, ich wurde ins kalte Wasser geschmissen. Ich habe als Pfleger Sachen gemacht, von denen ich vorher geglaubt habe, dass ich das nicht machen könnte. Ich bin an der Aufgabe gewachsen.  (Ich wusste dann aber auch: nie im Leben Schichtdienst. Außerdem hat sich mein nunmehr fast 15jähriger Sohn in der Zeit auf den Weg zu uns gemacht, der alles weitere in ganz andere Bahnen lenkte, als ich mir das so vorgestellt habe. Aber das ist eine andere Geschichte…)

Ich hatte nie, wirklich nie die Empfindung, dass es irgendwie ungerecht ist, dass ich das machen muss. Auch nicht, dass nur Männer das machen müssen. Ich war fest überzeugt, dass das grundsätzlich eine gute Sache ist.

Tja. Nun ist das alles freiwillig und es machen immer noch viele irgendeine Art von sozialem oder kulturellem Jahr. Ich kenne die aktuellen Zahlen nicht, aber viele machen auch nichts dergleichen und gehen halt direkt ihren Weg. Und die Wirtschaft schreit: „Wir brauchen dich! Andere Länder kriegen das viel schneller hin. Das geht hier alles viel zu langsam!“

Zusammen mit G8 führte das ja auch dann dazu, dass die Unis voller Erstis waren, die nicht mit in den Club durften und Verträge von ihren Eltern unterschreiben lassen mussten.

Wenn ich an die demographische Entwicklung denke, dann finde ich ein Jahr in dem die jungen und fitten Menschen sich in den Dienst der Allgemeinheit stellen – und damit vornehmlich der immer größer werdenden Schicht von alten und schwachen Menschen, allerdings durchaus gerechtfertigt. Es vergeht doch gerade kaum eine Woche in der nicht der Pflegenotstand angeprangert wird.

Und auch die Bundeswehr würde profitieren, wenn junge Menschen sich für diesen Weg entscheiden. Denn es würde eine gewisse Fluktuation und Kontrolle mit sich bringen, was bei den vielen Berichten über die unsäglichen rechten Umtriebe in der Truppe dringend nötig scheint.

Wie man das Ganze dann nennt und wie es mit der Verpflichtung für Mann und Frau aussieht, ist dann im nächsten Schritt zu diskutieren. Aber mal so grundsätzlich: Ein verpflichtendes Jahr Gesellschaftsdienst – so verkehrt kann das nicht sein.

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