Verfasst im März 2021.
Über die Schule wird viel gesprochen zurzeit und es bewegt sich so viel und so schnell, wie wohl noch nie seit 1945. Wir leben in einer Zeit, die man später „Digitale Revolution“ nennen wird. Zusammen mit der Corona-Pandemie ist es wohl das, was bei Siedler von Catan „Zeit der Wirren“ heißt. Licht ins Dunkel bringt seit je her die Wissenschaft und diese ist nun gefragt!
Ich möchte im Folgenden einige kritische Anmerkungen zu der ins Rollen gebrachten und nicht aufzuhaltenden Digitalisierungswelle machen. Spätestens seit der Corona-Pandemie hat es die Schule voll erwischt und sie steht absolut im Fokus der Öffentlichkeit. Allerdings möchte ich – v.a. um das Themenfeld nicht zu groß werden zu lassen – hier nicht auf die aktuelle Lage eingehen, sondern auf den sich hoffentlich bald wiedereinstellenden Normalzustand.
Wie so häufig bei neuen Dingen müssen sie erstmal ihren Platz finden und irgendwas muss dafür auch weichen. Und den einen geht es zu schnell und den anderen geht es nicht schnell genug – so ist das auch hier. Mit der Pandemie hat die Geschichte allerdings eine ganz neue Dynamik erreicht und die Vertreter der progressiven Seite haben klar Oberwasser.
Nun läuft man auch Gefahr, als, sagen wir mal Kaiser-Willhelm-Verschnitt dazustehen, wenn man die ein oder andere Maßnahme nicht besonders überzeugend findet. Aus intensiven Gesprächen mit Freunden weiß ich: es kann auch ziemlich kompliziert werden – das Digitale scheint auch etwas Emotionales an sich zu haben. Aber dennoch, wie schon gesagt, ich möchte hier wagen, zumindest einige kritische Fragen zu stellen. Und um bereits im Vorfeld derartige Verdachtsmomente aus dem Weg zu räumen: Ich sehe klar das Potential des digitalunterstützten Unterrichts – es geht nie um das Ob, sondern nur um das Wie.
Bei der Einbettung digitaler Geräte in den Unterricht gibt es eine große Bandbreite. Während es mancherorts noch als modern gilt, seinen Laptop an einen Beamer anzuschließen, gibt es woanders bereits vollausgestattete Klassenräume mit Smartboard und erste Klassen sind komplett mit Tablets versorgt. In Bremen bekommen sogar alle Beteiligten ein IPad – Wow!
Es gäbe hier gar nicht so viel Diskussionsbedarf, wenn dieser Prozess nicht so ressourcenfressend und verdammt teuer wäre. Daher lautet meine einfache Frage: Was genau bringt welche Interaktion? Und zwar vor dem Hintergrund unserer Erwartungen an Schule. Diese sind in den letzten Jahren ja nun auch nicht weniger geworden. Fachliche Bildung, kompetenzorientierte und bitte auf das Individuum abgestimmte Vermittlung, Erziehung von völlig distanz- und respektlosen Kindern (und Eltern), soziale Beratungsstelle etc. Und in diese Gemengelage stößt nun die Digitalisierung.
Wer Geld investiert hat meist klare Vorstellung eines hinterher eintretenden Verbesserungseffekts. Ob das Haus saniert wird und anschließend ein in neuem Glanz erstrahlendes Objekt eine bessere Energieeffizienz aufweist, oder ein Betrieb, der Produktionsstätten baut oder modernisiert und anschließend effizienter arbeitet. Das viele Geld aber, dass in die Digitalisierung fließt, fließt gewissermaßen in eine Blackbox. Es gibt zwar viele Studien, die hier und da positive Effekte auf etwa Lernmotivation nachweisen. Aber eine wirklich Output-orientierte Studie kenne ich nicht (bitte her damit, falls es sie geben sollte).
Etwas provokant formuliert könnte gefragt werden, welche Schülerin oder welcher Schüler nach den riesigen Investitionen besser rechnen oder besser Englisch sprechen kann? Wenn die Ergebnisse sich nun nicht qualitativ auf die Breite auswirken, tun sie es partiell? Für bestimmte Schülergruppen? Wenn also zum Beispiel Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Schichten profitieren und die viel zitiere soziale Schere wieder weiter zusammengebracht werden könnte, dann wäre das ein klares Argument. Aber gibt es diese Studie? (und wie genau ist der Unterricht dann abgelaufen?)
Es gibt in Deutschland mittlerweile viele Tablet-Klassen. Sie kosten die Allgemeinheit insgesamt mehr Geld als herkömmlicher Unterricht. Was können die Abgänger dieser Klassen am Ende der Schulzeit besser? Ich bin ehrlich – ich habe Zweifel, ob es hier tatsächlich klar erkennbare Vorteile gibt, aber ich möchte mich keinesfalls diesem Konzept verschließen. Doch nur wissenschaftliche Erkenntnisse würden meine Zweifel ausräumen.
Meine These ist, dass einfach viel genauer formuliert werden muss, was Schülerinnen und Schüler durch die Digitalisierung lernen sollen. Dass dies notwendig ist, sehe ich tagtäglich. Über den Begriff „Digital Natives“ muss ich jedes Mal wieder schmunzeln. Was diese Natives (übrigens gehört es auch zur Digitalisierung, jedes Wort aus dem Englisch-Amerikanischen wortwörtlich zu übernehmen) aber vor allem können, ist Unterhaltung. Ein Insta-Video nach dem nächsten und 195 Snaps am Tag, doch das Speichern als PDF kann für Pubertierende zum Problem werden. Das Installieren einer PPP-Freeware kann auch für Oberstufenschüler zum unüberwindbaren Hindernis werden.
Also was sind die konkreten Ziele? Was sollen Kinder und Jugendliche genau lernen? Vielleicht bedarf es eines Digital-Curriculums, um Ziele verbindlich fest zu schreiben. Wir sind nicht mehr am Anfang der digitalen Revolution, wir sind mittendrin. Und es wird Zeit, dass wir die Blackbox verlassen.