Verfasst im Juli 2024.
Seit einigen Jahren ist das Thema „gespaltene Gesellschaft“ ein ständiges Thema. Gebildet und urban vs. bildungsferner und eher in der Peripherie lebend. Deutliche Unterschiede entlang dieser Linie gab es eh und je, aber die Auswirkungen werden immer stärker. Ich kann das jeden Tag am eigenen Leib erfahren, wenn ich aus der Stadt zu meinem Arbeitsort fahre, an eine Gesamtschule im ländlich geprägten Raum.
Meine beiden Söhne gehen bzw. gingen auf städtische Gymnasien und so sind auch deren Freunde meist aus diesem Dunstkreis. Die Eltern in der Regel Akademiker, geregelte Verhältnisse, Kultur, genug Geld. Wenn ich den Freundeskreis meiner Söhne mit der Schülerschaft an meiner Schule vergleiche, gibt es natürlich viele Gemeinsamkeiten, die sich durch soziale Medien, Streaming-Portale, aber auch Musik und Sport ergeben. Aber es gibt auch eklatante Unterschiede: polarisierende Themen wie Elektromobilität, Flüchtlinge, LGBTQ sind bei der Schülerschaft an meiner Schule in Ostfriesland eindeutig durch rechte TikTok-Clips geprägt und werden häufig unreflektiert 1:1 wiedergegeben. Bei der Schülerwahl zum Bundestag ist die AFD stärkste Kraft geworden (seitdem hört man von der Schülerwahl an unserer Schule nicht mehr viel).
Bei der Abi-Abschlusszeremonie meines Sohnes wurden Redner für Anti-AFD-Inhalte gefeiert. Ich hingegen muss erstmal hinnehmen, dass ein nicht unerheblicher Teil der Schüler aus meiner Klasse bei der Europawahl in diesem Monat AFD gewählt hat. Und ich habe mit Eltern beim Abschlussball über Politik gesprochen, von denen ich wusste, dass sie die AFD gewählt haben.
Wenn wir es ernstnehmen wollen, gesellschaftlicher Spaltung entgegenzutreten, dann bringt es nichts zu sagen: Du wählst AFD, mit dir trink ich kein Bier. Um dem wirklich entgegenzuwirken empfinde ich es als äußerst wichtig, Gemeinsamkeiten zu finden und bei allen Unterschieden auch über verbindende Themen zu sprechen.
Sprechen. Da bin ich dann auch beim Thema. Sprache ist Verständigungsmittel doch ist und war sie nie neutral. Wie wir uns ausdrücken sagt über uns und unsere soziale und regionale Herkunft enorm viel aus. Ich kann mich noch gut an meinen Deutschunterricht erinnern, in der unser Lehrer vom „elaborierten und restriktiven Code“ sprach. Und ich sag meinen Kindern und Schülern heute, dass eine einfache WhatsApp-Nachricht heutzutage wie eine Visitenkarte funktioniert. Wenn ich von einer fremden Person eine Nachricht mit lausiger Rechtschreibung und ohne Punkt und Komma bekomme (z.B. auch Kleinanzeigen, Vinted etc.), habe ich da ein Bild von der Person, ob ich will oder nicht.
Also neutral kann Sprache nicht sein, aber sie muss ein gewisses Mindestmaß an Neutralität bieten, wenn sie Menschen zusammenbringen soll. Und genau hier sehe ich bei der geschlechtergerechten Sprache ein grundlegendes Problem, denn das, was Unterschiede eigentlich abbauen soll, vergrößert die Unterschiede an anderer Stelle umso krasser:
Wer sich an meiner Schule bei einer Abschlussrede nach vorne stellt und von Schüler:innen spricht, sagt mit diesem einen, kleinen Wort noch viel mehr. Wer so spricht sagt auch: „ich bin Akademiker“ und „ich bin dem linken Spektrum einzuordnen“ und „ich habe genug Geld“. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Mit nur einem Wort wird da bei manchem eine Schublade aufgehen: „Das ist einer von denen (da oben)“, „das ist so ein ganz schlauer, der hält sich für was Besseres“ und so weiter. Ein Zusammenkommen macht das nicht unmöglich, aber es erschwert es. Um unterschiedliche Menschen zusammenzubringen bedarf es eines neutralen Raums. Ein Parkett, auf dem sich die verschiedenen Menschen wohlfühlen.
Die gendergerechte Sprache ist Teil einer symbolüberfrachteten Zeit und keines dieser Symbole hat je Menschen zusammengebracht. Nicht diese Sprache, nicht der türkische Wolfsgruß auf dem Fußballfeld und auch nicht die Regenbogenflagge in Katar. Wenn Spaltung überwunden werden soll, dann geht das nicht, indem man den anderen auf der gegenüberliegenden Seite belehrt. Wenn Spaltung überwunden werden soll, dann müssen Brücken gebaut werden und Menschen müssen zusammenkommen – ohne Symbolik, auf neutralem Boden.